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Der 1. FC Köln befindet sich sowohl sportlich als auch stimmungsmäßig auf dem Nullpunkt. Mit dem Spiel gegen Freiburg wartet nun die nächste Aufgabe.

Der Tabellenletzte empfängt den Drittletzten – für den 1. FC Köln ist ein Sieg gegen Freiburg Pflicht, um irgendwie noch an die Rettung glauben zu können. Während in der Domstadt alles drunter und drüber geht, besticht Freiburg durch Verlässlichkeit und Kontinuität. Unter anderem darüber haben wir mit Freiburg-Fan Michael Schröder gesprochen, der auf meinsportradio.de den SCF-Podcast „FüchsleTalk“ betreibt.

effzeh.com: In Köln hat man lange Zeit davon fabuliert, im Notfall das „Freiburger Modell“ zu wählen, um nach einem Abstieg mit demselben Trainer wieder aufzusteigen, weil dieser eben sehr beliebt und auch kompetent sei. Freiburg hat das ja nach dem Abstieg 2015 durchgeführt, Christian Streich behalten und den Weg zurück in die Bundesliga gefunden. Beim effzeh ist jetzt Peter Stöger weg, Christian Streich ist jedoch immer noch da. Wie hast du die Trennung von Stöger wahrgenommen?

Michael Schröder: Als am Ende sehr komisch: sowohl die Pressekonferenz von Stöger, in der er meinte, es müsse „sich jetzt endlich mal was tun, egal was“ als auch die PK von Wehrle nach der Trennung plus der Abgang von Schmadtke und das Theater mit Horst Heldt – das war nicht der FC, den man aus den letzten Jahren gewohnt war. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, ob das eine wirklich sinnvolle Entscheidung war: ein neuer Trainer hat ja bei euch auch erst mal einen quasi komplett verletzten Kader, die Mannschaft stellt sich ja zur Zeit eh selber auf, egal wer Trainer ist.

Freiburg: Ein Ausrutscher nach oben oder unten immer denkbar

Kannst du uns die Umstände erläutern, unter denen damals entschieden wurde, Christian Streich zu behalten und damit nicht den Mechanismen des Geschäfts zu folgen?

Schröder: Ehrlich gesagt glaube ich gar nicht, dass das „entschieden wurde“, sondern eher, dass alles andere überhaupt nicht zur Debatte stand. Zum einen ist es bei uns so, dass man immer eher mit einem Ausrutscher nach unten als nach oben rechnen muss und ein Abstieg nie total unrealistisch ist, und zum anderen war es in der konkreten Abstiegssaison auch so, dass es einfach extrem unglücklich gelaufen ist: ein Punkt am letzten Spieltag hätte gereicht, und so richtig wusste nachher niemand warum wir abgestiegen sind. Streich und Stöger sind zudem aus meiner Sicht auch eher als Typen vergleichbar und weniger was ihre Rolle im Verein angeht: Streich ist seit Mitte der 90er als Trainer im Jugendbereich und danach in verschiedensten Rollen im Verein, da weiß man einfach gegenseitig, was man aneinander hat und kann auch mal gemeinsam eine miese Phase durchmachen.

Beim Sport-Club herrscht sowieso Kontinuität auf den Führungspositionen: Präsident Fritz Keller ist seit 1994 im Verein, Cheftrainer Streich seit 1995. Welche Rolle spielt das für den Verein?

Schröder: Kontinuität ist für unseren Verein nicht zu unterschätzen, auf allen Ebenen. Bei unseren begrenzten Mitteln und in unserer kleinen Nische als Aus- und Weiterbildungsverein ist es hilfreich, wenn man sich damit identifizieren kann, und das geht am besten, wenn man lange dabei ist und weiß, wo der SC her kommt. In den Jahren 94 und 95, die Du ansprichst, habe ich zum Beispiel meinen ersten Fanartikelkatalog vom SC bekommen, soweit ich weiß den ersten, den der Verein überhaupt hatte: eine kopierte Din-A4-Seite, mit Kugelschreiber ergänzt und bearbeitet. Wenn jemand sich daran noch erinnert und immer noch im Verein ist, macht er keine verrückten Dinge, die das Gebilde instabil machen.

FREIBURG GERMANY - SEPTEMBER 9: Headcoach Christian Streich (L) of SC Freiburg during the Bundesliga match between Sport Club Freiburg and Borussia Dortmund at Schwarzwald-Stadion on September 9, 2017 in Freiburg, Germany. (Photo by Michael Kienzler/Bongarts/Getty Images)

Foto: Michael Kienzler/Bongarts/Getty Images

Christian Streich gilt als das Aushängeschild des Freiburger Fußballs, obwohl er das selbst wahrscheinlich gar nicht will – wie sehr ist der Name Streich trotzdem mit dem Verein verbunden?

Schröder: Wie eben schon gesagt: Solange wie er schon hier ist sehr, da kann er sich auch nicht gegen wehren, alles andere wäre nach so langer Zeit auch irgendwie komisch. Da wir in erster Linie Ausbildungsverein sind und er gerade die Fußballschule des Vereins lange Jahre geprägt hat, weiß ich auch gar nicht, ob er sich wirklich dagegen wehren würde. Es kommt wahrscheinlich darauf an, von wem die Aussage kommt und in welchem Zusammenhang.

Freiburg-Präsident Fritz Keller: „Ein emotionaler Typ“

Die ganze Republik schaut deswegen neidisch ins Breisgau, denn dort gibt es einen Präsidenten, der sich gegen eine Ausgliederung der Fußballabteilung entschieden hat, die Abschaffung des Videobeweises fordert, klar zu 50+1 steht und diese Regel behalten möchte. Kannst du uns Fritz Keller und seine Bedeutung für den Freiburger Fußball noch ein wenig näherbringen?

Schröder:  Was ich an Keller mag: er ist unheimlich fußballverrückt, vielleicht auch weil Fritz Walter sein Patenonkel ist, das prägt vermutlich schon sehr früh. Eines seiner liebsten Hobbys ist zum Beispiel nach den Spielen mit seinem Handy durch die Mixed Zone zu laufen und allen noch einmal seine Lieblingsszenen zu zeigen – ein emotionaler Typ, der gut zu uns passt. Ein Fan als Präsident, der sich – wenn auch wohl auf verlorenem Posten – für Fanbelange stark macht, das ist schon schön. Und: hatte ich anfangs, da bin ich ehrlich, so nicht erwartet, als er unseren „ewigen Präsidenten“ Achim Stocker beerbt hat, seine Rolle in der Entlassung von Volker Finke damals war ein bisschen dubios aus meiner Sicht.

Allgemein sollte sich meiner Meinung nach Fußball-Deutschland etwas beim SCF abgucken: man versucht mit einem klaren Plan, Fußball zu spielen und legt dabei Wert auf eigenen Ballbesitz. Damit ist Freiburg schon eine Ausnahme in der Liga. Würdest du dir wünschen, dass Streich manchmal von seinen Prinzipien abrückt, um vielleicht mehr Erfolg zu haben – dann vielleicht mit unattraktiverem Fußball?

Schröder: Interessante Frage. Nach kurzem Nachdenken antworte ich mit Nein. Die Idee, „nicht ganz so schön spielen und dadurch erfolgreich zu sein“ hatten wir ja auch schon mal, aber ich war nie ein großer Robin Dutt-Fan…(grinst).

Schwierigkeiten in dieser Saison? Keine große Überraschung

Kommen wir zum Sportlichen: Freiburg steht auf dem Relegationsplatz und hat insbesondere auswärts Probleme. Trotzdem behält man im Breisgau die Ruhe, der gezeigte Fußball wie zuletzt gegen Hamburg zeigt ja auch, dass man mehr als konkurrenzfähig ist. Wird der Klassenerhalt dennoch schwierig?

Schröder: Es wird jede Woche, in der man nicht gewinnt, schwieriger, aber wem erzähle ich das. Neben der Auswärtsschwäche macht uns dieses Jahr vor allem die Chancenverwertung das Leben schwer. Das kann man auch daran sehen dass wir vier Mal 0:0 gespielt haben. Wenn in zwei von diesen vier Spielen einer rein fällt, hat man acht anstatt vier Punkten – so schnell kann sich eine Statistik drehen. Beziehungsweise könnte. Da sind wir uns diese und vergangene Saison ähnlich finde ich: enge Spiele wurden in der letzten gewonnen, in dieser Saison nicht. Aber mal ganz abgesehen von den Zahlenspielen: dass es schwierig wird, wussten wir schon als Grifo und Philipp gegangen sind. Jetzt fallen auch noch Frantz und vor allem Niederlechner lange aus: die Offensive hat es bei uns sehr schwer zur Zeit.

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Du sprichst es an: Leistungsträger wie Niederlechner und Frantz sind verletzt, doch Kapitän Julian Schuster freut sich trotzdem über die hohe Qualität und Leistungsdichte im Kader – davon kann man in Köln aktuell nur träumen. Wer sind ansonsten Schlüsselspieler für Freiburg?

Schröder: Zum Beispiel eben jener Julian Schuster in seinem gefühlt mindestens dritten Frühling: Eigentlich wäre nach der letzten Saison sein Vertrag ausgelaufen und er hat noch ein Jahr dran gehängt – dass er so viele Einsätze bekommt, hat glaube ich niemand gedacht. Jemand, der auch schon sehr viel gesehen hat und – obwohl er gerade in einem Interview ja das Gegenteil behauptet hat – alles andere als blöd ist, ist Nils Petersen: ein überragender Typ, der sich bei uns noch weiter entwickelt hat und auch weiß, was in der Defensive bei einem kleinen Verein verlangt wird, und auch menschlich ganz weit vorne – sehr reflektiert, ein absoluter Mannschaftsspieler und hoffentlich jemand der bald wieder regelmäßiger jubeln kann.

Über das Theater in Köln, früher und heute

Erst Europa League und Feierlichkeiten, jetzt ein sehr wahrscheinlicher Abstieg und ein kaputter Verein – wie nimmst du die Entwicklung in Köln war?

Schröder: Ich habe eine Weile in Köln gewohnt, das war aber vor über zehn Jahren und da waren wir beide in der zweiten Liga. Wir spielten gerade die beste Rückrunde der zweiten Liga aller Zeiten mit Finke als Trainer, der schon zum Saisonende entlassen war und bei Euch war damals auch mehr Theater als heute, soweit ich mich erinnere. Mittlerweile wohne ich schon eine ganze Weile in Leipzig, und bin nur ab und zu zum Arbeiten in Köln, da kriegt man natürlich weniger mit. Was ich allerdings mit bekommen habe und nicht einmal ansatzweise nachvollziehen kann, sind die Diskussionen rund ums Stadion und den Ton, in dem sie teilweise von Vereinsseite aus geführt werden. Aus meiner Sicht sollten alle Beteiligten, in erster Linie aber natürlich die Stadt und der Verein selber, alles daran setzen, hier einen Kompromiss zu finden: Wenn der 1. FC Köln in einem schicken neuen Stadion im Phantasialand spielt, wäre er nicht mehr der 1. FC Köln, die Bindung zwischen Verein und Stadt ist nirgendwo so stark wie hier finde ich.

Was muss passieren, dass der 1. FC Köln am Sonntag tatsächlich ein Bundesliga-Spiel gewinnt? Schließlich ist Freiburg in der aktuellen Situation klarer Favorit…

Schröder: Die professionell-abgezockte Sportreporter-Antwort ist natürlich: sie müssen ein Tor mehr schießen als Freiburg. Aber Spaß beiseite, was ihr vermutlich nicht wisst: der SC ist sowohl bekannt als „barmherziger Samariter“, wenn es darum geht, armen Mannschaften einen Punkt abzugeben, anstatt sich von ihnen abzusetzen, als auch nicht wirklich erfolgreich gegen Mannschaften, die in der Woche vor dem Spiel gegen uns den Trainer gewechselt haben. Unsere beeindruckende Auswärtsstärke in dieser Saison birgt sicher auch Chancen. Und an die letzte Saison erinnert ihr euch vielleicht auch noch: da gab’s ein 3:0 für euch und hinterher wusste niemand so recht warum…

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Zum Abschluss die Frage nach deinem Tipp: Wie hoch gewinnt Freiburg?

Puh. Wir haben uns ja schon in der Vorschau bei meinsportradio.de gesprochen und uns beide schwer getan, was das Tippen angeht. Wirklich optimistischer bin ich immer noch nicht, ehrlich gesagt, aber ich hoffe einfach dass die schlechteste Offensive der Liga weniger Tore macht als die zweitschlechteste. Andererseits spielt ja auch die schwächste gegen die zweitschwächste Defensive – es kann also alles oder nichts passieren. Warten wir’s ab!

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