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Der Traum Europapokal ist für den 1. FC Köln beendet. Ein Impuls wurde bei der Niederlage in Belgrad nicht sichtbar, das liegt allerdings nicht an Interimstrainer Ruthenbeck. 

Es wäre schon eine Sensation gewesen: Man stelle sich mal vor, eine Mannschaft, die in ihrer heimischen Liga noch keinen Sieg geholt hat und überaus selten das Tor trifft, schafft den Einzug in die K.O.-Phase der Europa League, nachdem der Verein zuvor 25 Jahre darauf warten musste, überhaupt wieder auf dem internationalen Parkett mitmischen zu dürfen. Klingt unwahrscheinlich. Aber allzu weit entfernt war diese Sensation gestern nicht. Bei der Partie im Belgrader Marakana brauchte der 1. FC Köln eigentlich nur einen Sieg gegen Gastgeber Roter Stern. Doch genau das fällt den „Geißböcken“ in dieser Saison so wahnsinnig schwer.

Nachdem die Kölner in der Bundesliga am letzten Spieltag immerhin einen Punkt gegen die formstarken Schalker erkämpften, sollte nun also die Überraschung gegen Belgrad her. Ein kühnes Unterfangen. Denn beim 1. FC Köln hatte man in der Woche vor der Partie gegen die Königsblauen entschlossen, sich nach viereinhalb Jahren von Trainer Peter Stöger zu trennen. Man wolle damit einen „Impuls“ setzen, erklärte Vereinspräsident Werner Spinner bei einer insgesamt eher würdelosen Pressekonferenz zum Abschied des beliebten Trainers. Der Glaube daran, dass Stöger noch das Ruder herumreißen könne, habe schlussendlich gefehlt.

Neuer Trainer, alte Probleme

Dieser Einschätzung stand allerdings die couragierte Leistung der Kölner Profis auf Schalke gegenüber. Der Österreicher, das konnte man sehen, erreichte seine Mannschaft bis zuletzt. Nach Spielende informierte Stöger sein Team über seinen Abgang, der allerdings früher am Tag schon in den Boulevardmedien bekannt geworden war. Mittlerweile ist auch bekannt, dass die sportlichen Aspekte am Ende wohl nur einer von mehreren Faktoren der Trennung waren.

Crvena Zvezda's Richmond Boakye (L) fights for the ball with Koln's Frederik Sorensen during the UEFA Europa League football match between Red Star Belgrade (Crvena zvezda) and FC Koln in Belgrade on December 7, 2017. / AFP PHOTO / Pedja MILOSAVLJEVIC

Foto: AFP PHOTO / Pedja MILOSAVLJEVIC

Und so passierte in Belgrad sportlich gesehen auch das, was zu erwarten war: Interimstrainer Stefan Ruthenbeck hatte nach dem chaotischen Wochenende nur zwei, drei Trainingseinheiten mit seiner neuen Mannschaft, kündigte dennoch an, es mit einer neuen taktischen Ausrichtung und mehr Aggressivität probieren zu wollen – und scheiterte damit prompt.

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Das liegt allerdings wohl kaum an Ruthenbecks Qualitäten als Trainer, als daran, dass dem Interimstrainer noch weniger Profis zur Verfügung standen als seinem Vorgänger auf Schalke. Insgesamt 14 Spieler waren wegen Verletzungen oder fehlenden Spielberechtigungen in Belgrad nicht dabei. Lukas Klünter war zu Spielbeginn der einzige Profi auf der dezimierten Kölner Bank – der FC war mit lediglich 16 Spielern nach Serbien gereist – die restlichen Ersatzspieler kamen aus den U-Mannschaften des Vereins.

Die verbliebenen Profis mühten sich in Belgrad zwar, kamen gelegentlich auch mal vor des Gegners Tor und hatten am Spielende statistisch mehr Spielanteile und Torabschlüsse zu verzeichnen, verloren die Partie aber dennoch mit 0:1. Und gefühlt hatte Roter Stern dabei nur einmal wirklich auf das Tor von Timo Horn geschossen. „Wie so oft in dieser Saison sind wir vor dem Tor zu harmlos“, sollte der Kölner Torhüter nach dem Spiel resümieren. Und recht hatte er: Sowohl Milos Jojic als auch Yuya Osako vergaben ihre Chancen aus aussichtsreichen Positionen teilweise kläglich. Die Abschlussschwäche, das mangelnde Selbstvertrauen vor dem Tor, ist derzeit bei jedem Schussversuch deutlich sichtbar.

Individuelle Fehler und Abschlussschwäche

Gleichzeitig hören die individuellen Fehler in der Defensive einfach nicht auf. „Belgrad hat ein gut rausgespieltes Tor gereicht, um uns am Ende zu schlagen und eine Runde weiterzukommen“, legte Horn den Finger in die Wunde. Dass der Treffer der Hausherren von der Kölner Hintermannschaft gruselig schwach verteidigt wurde, verschwieg der leidgeprüfte Schlussmann lieber. Die individuellen Aussetzer ziehen sich beim 1. FC Köln durch die komplette Saison – unabhängig davon, welche der defensiven Stammspieler derzeit ausfallen.

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Und so krankt das Kölner Spiel auch unter Ruthenbeck weiterhin an den selben Stellen. Vor dem Tor ist die Mannschaft teilweise katastrophal ungefährlich und im eigenen Strafraum leistet sie sich schlimme Aussetzer. Taktisch betrachtet ist es aber nicht so, als hätten die Spieler die Anweisung von Stöger oder nun eben Ruthenbeck ignoriert oder würden nicht probieren, sie umzusetzen. Unter dem Österreicher gelang das manchmal, fußballerisch waren durchaus gute Auftritte dabei. Diese wurden aber durch immer neue individuelle Fehler zunichte gemacht. Und wenn es die nicht waren, dann hatte eben der Videoschiedsrichter keinen guten Tag. Der hatte seine Finger in Belgrad allerdings nicht im Spiel – immerhin.

BELGRADE, SERBIA - DECEMBER 07: FC Koeln fans light torches prior to the UEFA Europa League group H match between Crvena Zvezda and 1. FC Koeln at stadium Rajko Mitic on December 7, 2017 in Belgrade, Serbia. (Photo by Srdjan Stevanovic/Getty Images)

Foto: Srdjan Stevanovic/Getty Images

In der Schlussphase der Hinrunde ist der Scherbenhaufen nun also perfekt. Der vermeintliche Impuls, der vom Trainerwechsel ausgehen sollte, wurde nicht sichtbar, weil er aufgrund der dramatischen Kadersituation gar nicht sichtbar werden konnte, selbst wenn es ihn gegeben hätte. Gleichzeitig lieferten einige der mitgereisten Kölner Fans eine Bankrotterklärung ab – Leuchtgeschosse flogen auf den Platz und trafen fast Kölner Spieler, Sitzschalen wurden in andere Blöcke geworfen und angezündet (mehr dazu hier). Die Stimmung ist dahin beim 1. FC Köln – auf und jetzt auch neben dem Platz.

Keine Aussage über Ruthenbecks Arbeit

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Über die Arbeit von Stefan Ruthenbeck sagt das Spiel in Belgrad dennoch weniger aus als über den schwachsinnigen Zeitpunkt der Entlassung Stögers. Zum einen hatte der Österreicher in den Europa-League-Spielen trotz Bundesliga-Absturz eine gute Bilanz. Zum anderen hatte die Mannschaft im letzten Spiel unter dem 51-Jährigen eine für ihre Verhältnisse gute Leistung gezeigt und einen Punkt geholt. Dass die schiere Abwesenheit Stögers bei einer Mannschaft, die nun englische Schicksalswochen vor der Brust, aber kaum noch Spieler zur Verfügung hat, irgendeinen positiven „Impuls“ bewirken würde, erscheint (nicht nur) rückblickend ebenso realitätsfremd wie die Annahme, dass Ruthenbeck mit zwei Trainingseinheiten irgendetwas nachhaltig hätte ändern können.

Bis zum Bundesliga-Spiel gegen Freiburg bleiben dem Interimstrainer nun ebenfalls wieder nur zwei Tage – wobei der heutige Freitag wohl eher der Regeneration dienen dürfte. Immerhin: Am Sonntag stehen mit Tim Handwerker und Claudio Pizarro auf jeden Fall zwei Profis mehr zur Verfügung als noch in Belgrad. Mit einem großartigen Impuls ist aber auch gegen den Sport-Club derzeit nicht wirklich zu rechnen.

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