Jeden Tag, jede Woche rollt das Leder im Fernsehen – der Fußball nimmt in unserem Leben eine immer größere Rolle ein. Doch ist das noch gesund? Diese Frage stellt der Deutschlandfunk in seiner Sportkonferenz.

Immer mehr Fußball-Übertragungen im Fernsehen, mittlerweile aberwitzige Ablösesummen und Konsequenzen für die anderen Sportarten – anlässlich der siebten „Sportkonferenz“ beschäftigt sich der Deutschlandfunk mit der Frage, ob die Fußballblase den Spitzensport in Deutschland erdrückt. Spitzensportler, Sportfunktionäre und Medienverantwortliche kamen im Kammermusiksaal am Raderberggürtel zu Wort und analysierten die Auswirkungen dieser Entwicklung.

Zwar sind wir bei effzeh.com natürlich alle Fußball-Liebhaber, aber trotzdem: Eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Fußballs ist nötig, um zu überlegen, wie wir in Zukunft mit dieser Sportart umgehen wollen. Gerade in Bezug auf Digitalisierung, gesteigerter Mediennutzung und einer generellen Entfremdung zwischen Profi- und Amateursport müssen wir alle zusammen Überlegungen anstellen, um die Fußball-Blase eben nicht platzen zu lassen – denn schließlich lieben Millionen Menschen diesen Sport – aber eben nicht nur diesen.

Der interessante Diskussionsabend begann mit einem Impulsreferat von Moritz Küpper, der sich der Frage widmete, ob der Fußball eher Zugpferd oder nicht doch Raubtier sei. Der DLF-Korrespondent unterstrich, dass der Fußball im Vergleich mit anderen Sportarten mittlerweile „in einer anderen Liga“ spiele. Dieser jetzige Status sei durch die „unglaubliche Kommerzialisierung“ des Fußballs begründet, der gleichermaßen eine enorme gesellschaftliche Bedeutung einnimmt.

Moritz Küpper: Eine „Diktatur des Fußballs“

Der Referent illustrierte, dass die DFL seit Jahren Milliarden-Umsätze erwirtschafte, andere Ligen in den Sportarten Eishockey, Basketball und Handball, die alle im Bereich rund um 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr liegen. Selbst die dritte Fußball-Liga, so Küpper, erwirtschafte knapp 150 Millionen Euro. 71 der 100 größten Unternehmen, die sich im Sportsponsoring in Deutschland engagieren, würden dies im Fußball tun. Ähnlich sei dies bei den TV-Übertragungen, wo eine U21-EM oder ein Audi-Cup in der Fernsehberichterstattung eine zu große Rolle einnehmen. Dies konnte man im August beobachten, als die Leichtathletik-WM hinter dem Audi-Cup zurückstecken musste. Küpper schloss mit dem Zitat, dass aktuell eine „Diktatur des Fußballs“ bestehe.

Im Anschluss fand eine Podiumsdiskussion statt, die sich folgendem Thema widmete: „Überragend. Übermächtig. Überhöht. Erdrückt die Fußballblase den Spitzensport in Deutschland?“ Geladen waren Dr. Rainer Koch (Vizepräsident des DFB), Thomas Röhler (Speerwurf-Olympiasieger in Rio), Axel Balkausky (ARD-Sportkoordinator), Mark Schober (Generalsekretär des Deutschen Handballbundes) und Robert Zitzmann (Sponsoring Director einer großen deutschen Marketingagentur).

Moderiert wurde die Diskussion von Marina Schweizer aus der DLF-Sportredaktion. In einer lebhaften und interessanten Runde wurde erörtert, welche Rolle dem Fußball in Deutschland zustehe – und ob man ihm überhaupt etwas vorwerfen kann. Insbesondere die Darstellung der Sportarten in den Medien wurde diskutiert.

Wie ergeht es anderen Spitzensportlern in Deutschland?

Der Abend wurde mit zwei Exkursen untermalt: Zuerst widmete sich Kai Pahl (Digitalexperte und Blogger) dem Thema „Überpräsent? Fußball auf allen Kanälen“ und ging dabei speziell auf die mediale Berichterstattung über den Sport ein. Im Anschluss wurden den Spitzenathleten Sebastian Dietz (Paralympics-Sieger Kugelstoßen), Mieke Kröger (Radsportlerin, Weltmeisterin 2015 Mannschaftszeitfahren), Jaromir Zachrich (Bundesliga-Volleyballer) Fragen dazu gestellt, wie es ihnen im Schatten des Fußballs gehe.

Im Fußballkosmos wurde unter anderem auch beleuchtet, wie Deutschland mit Frauenfußball umgehe – problematisch dabei war natürlich zuerst, dass kein(e) Vertreter(in) aus dieser Sparte eingeladen war. DFB-Vizepräsident Rainer Koch sorgte zwischendurch für ein wenig Stirnrunzeln, als er meinte, dass es eine „Showveranstaltung“ wäre, wenn man den Nationalspielerinnen des DFB dieselben Prämien zahlen würde wie ihren Kollegen. Auffallend war auch, inwieweit die Meinungen und die Begeisterung bezüglich der Digitalisierung auseinandergingen – ARD-Mann Balkausky schien dahingehend weniger begeistert zu sein als der Marketing-Experte Zitzmann.

Überspitzt gesagt muss jeder Athlet einen toten Hamster zu Hause haben, damit die Medaille auch was wert ist.

Inwieweit nämlich Marketing-Experten Einfluss auf die Präsenz der Sportarten haben, verdeutlichte der Sperrwerfer Thomas Röhler. Er sagte: „Überspitzt gesagt muss jeder Athlet einen toten Hamster zu Hause haben, damit die Medaille auch was wert ist.“ Damit meinte er natürlich das Storytelling, welches insbesondere Profifußballer über soziale Netzwerke glänzend beherrschen. In anderen Sportarten sei es jedoch schwierig, zu einem Influencer zu werden.

Nachzuhören ist die Sportkonferenz am Wochenende beim „Sportgespräch“ des DLF, Zusammenfassungen gibt es auch in der Sendung „Sport am Samstag“.

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