Länderspiel zwischen Deutschland gegen Frankreich in Köln, nur 30.000 verkaufte Karten im Vorverkauf: die Begeisterung hält sich in Grenzen. Eine Glosse.

Heute Abend findet in Köln ein Länderspiel statt zwischen zwei Mannschaften, die in Hinblick auf die WM im kommenden Jahr durchaus zu den Favoriten zählen. Deutschland und Frankreich gehören aktuell neben den Spaniern zu den besten Fußballnationen auf dem Kontinent und es ist durchaus ein Spiel, auf das man sich freuen könnte. Doch irgendwie, und dieser Prozess läuft irgendwie schon länger, gehen einem die Länderspiele der DFB-Auswahl immer mehr auf die Nerven. Begeben wir uns mal auf Spurensuche.

Schleppender Vorverkauf: Ist das eine Überraschung?

Zugegeben, aktuell ist es wahrscheinlich eine Wohltat, dass mit der Mannschaft von Joachim Löw eine fußballerisch sehr kompetente Auswahl das Müngersdorfer Stadion zumindest für einen Dienstagabend ihr Eigen nennen kann. Ansonsten war die Heimstätte des 1. FC Köln in dieser Saison ja nun wahrlich nicht der Ort von fußballerischer Ekstase. Und auch die Sehnsucht nach internationalem Fußball scheint in Köln vorerst gestillt, wenn man sich die tristen Zahlen aus dem Vorverkauf für die Partie am heutigen Abend anschaut: Lediglich 30.000 Karten wurden abgesetzt und es ist mehr als fraglich, ob heute Abend bei geringen Temperaturen mehr als 35.000 Personen nach Müngersdorf streben. Das kann mehrere Gründe haben.

Ein Testspiel im kalten November, unter der Woche? Nein danke!

Zuerst wäre da natürlich der Charakter des Spiels, dessen schlimmste Ausprägung sich am vergangenen Freitag in Wembley offenbarte. Dort trennten sich England und Deutschland in einem absurd langweiligen Spiel torlos. Und auch heute Abend, so kündigte es Joachim Löw an, werde seine Mannschaft ebenfalls nicht in Bestbesetzung auflaufen, da man einige Dinge ausprobieren wolle. Ähnlich sieht es auch Didier Deschamps, der Sélectionneur der Franzosen. Vorwerfen kann man den beiden Trainern das wenige Monate vor der WM natürlich nicht, aber es erklärt zumindest, warum viele Menschen aktuell keinen Bock haben, sich unter der Woche auf die Reise nach Köln zu begeben und dort der „Mannschaft“ zuzujubeln.

>>>Handwerker und Özcan: Profiteure in schweren Zeiten

Allgemein hat sich, zumindest aus Sicht des Autors, das Verhältnis zwischen vielen Fußball-Fans und der Nationalmannschaft in den letzten Jahren ein wenig gewandelt. War die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land noch das berühmte „Sommermärchen“, bei dem frei nach Franz Beckenbauer die ganze Nation hinter dem Fernseher gestanden hat, lässt die Begeisterung irgendwie ein wenig nach – der Weltmeistertitel 2014 war für mich persönlich eine Trennlinie in der Beziehung zu einer Mannschaft, zu der ich eigentlich immer schon diffuse Gefühle gehegt hatte. Nach dem rauschhaften Sommer 2006, der natürlich nur unter erheblicher Zuhilfenahme korrupter Methoden zustande kommen konnte, erwachte in Deutschland erstmalig wieder so etwas wie Nationalstolz, was mir jetzt, elf Jahre später, immer noch ein wenig surreal und bizarr erscheint.

Von 2006 bis heute: Der Wandel der Nationalmannschaft

Ich möchte jetzt nicht die Brücke zu schlagen zwischen dem Erfolg von Klinsmanns Mannschaft und dem Einzug der AfD in den Bundestag, aber eines steht fest: Nach der WM 2006 wurden (nicht zuletzt durch Volker Struth und dessen Auto-Dekoration) Deutschland-Fahnen wieder salonfähig, ein anderer Umgang mit dem Stolz auf das Heimatland setzte ein. Das DFB-Team hat, soweit kann man denke ich gehen, dafür gesorgt, dass die sogenannte Deutschtümelei wieder verstärkt Einzug gehalten hat. Wenn im Jahr 2017 irgendwelche Nazis bei Spielen der DFB-Auswahl rechte Parolen bei einem Länderspiel in Prag brüllen (wie im September geschehen), ist das nur die Spitze des Eisbergs dieser Entwicklung und sicherlich auch kritisch zu untersuchen, insgesamt passt es aber ins Bild.

BERLIN - OCTOBER 03: Footballer Lukas Podolski attends the premiere of the film "Deutschland ein Sommermaerchen" at the Berlinale Palast on October 3, 2006 in Berlin, Germany. (Photo by Friedemann Vogel/Getty Images)

Foto: Friedemann Vogel/Getty Images

Der Weg, den der DFB und sein Premiumprodukt in den letzten Jahren dabei eingeschlagen haben, ist aus vielen Perspektiven betrachtet eben sehr diskutabel: Da wäre zuerst das zwanghaft eingeführte Eigen-Branding als „Die Mannschaft“, was die potenten Geldgeber aus der deutschen Industrie durch großflächig angelegte Werbekampagnen unterstützen. Hinzu kommt, dass in der Nationalmannschaft (man möge mir auch Kölsch-Tümelei jetzt vorwerfen) eben bis auf den derzeit verletzten Jonas Hector kein Kölner mehr spielt – Lukas Podolskis lange Jahre fanden im Weltmeistertitel 2014 und seinem emotionalen Abschiedsspiel im März seinen Abschluss. Warum soll ich eine Mannschaft verfolgen, die mit Spielern wie Timo Werner, Marvin Plattenhardt oder Sandro Wagner jetzt nicht unbedingt das verkörpert, was ich als „beste Fußballer in Deutschland“ definieren würde?

Die Auswahl als USP eines desolaten Verbands

Ein weiterer Aspekt betrifft den aktuellen Zustand des DFB und die unzähligen Skandale, die den weltgrößten Fußballverband allerdings kaum ins Erschüttern bringen. Eine gekaufte WM? Ach, Freshfields regelt das schon. Steuernachzahlungen in Höhe von 26 Millionen Euro? Kein Thema. Fehlende Transparenz und Diskussionskultur? Macht nichts, wir haben ja das beste Produkt in Deutschland. Immerhin hat man in Zusammenhang mit McKinsey eine neue Governance-Struktur entwickelt, die ab dem nächsten Jahr greifen soll – man darf gespannt sein.

STUTTGART, GERMANY - AUGUST 30: Oliver Bierhoff, team manager of Germany arrives for a press conference of the German National team at Mercedes-Benz-Museum on August 30, 2017 in Stuttgart, Germany. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Vielleicht hat auch die Gründung des „DFB-Fanclubs deutsche Nationalmannschaft powered by einem Kaltgetränk“ dafür gesorgt, dass ich mich langsam aber sicher von der DFB-Auswahl entsagt habe. Gründe genug dafür gäbe es ja.

„Die Mannschaft“: Früher Randerscheinung, heute Premiumprodukt

Und dennoch: Früher, im Kindesalter, waren die Spiele der Nationalmannschaft die einzigen, die im Öffentlich-Rechtlichen übertragen wurden. Die Großturniere waren, trotz oder vielleicht gerade wegen des überschaubaren Erfolgs, kein gesellschaftliches Ereignis, sondern ein Zeitraum, in dem man einfach extrem viele Fußballspiele schauen konnte. Ab und an spielten dann eben auch einmal die Deutschen, die man ja am besten kannte. Von daher war es natürlich so, dass man sich auf die Partien gefreut hatte – schließlich kam ja sonst kaum Fußball am Fernsehen. Doch jetzt, nach der Bierhoffisierung und Eventisierung dessen, was jahrelang wirklich nur die absoluten Fußballnerds interessiert hatte, ist die Nationalmannschaft endgültig gesellschaftsfähig und der Deutschen liebstes Kind.

Heutzutage jedoch, in Zeiten übermäßiger Fußballpräsenz am Fernsehen, kann selbst ein Klassiker wie Deutschland gegen Frankreich nicht mehr für dieselben Einschaltquoten sorgen wie noch vor einigen Jahren. Streaming-Dienste im Internet bieten zeitgleich Spiele an, in denen es wirklich um etwas geht – heute Abend treffen in Dublin die Iren auf die Dänen und es geht um das letzte europäische Ticket für die WM. Schlimmstenfalls kann man also für den Fernsehabend auch noch damit vorlieb nehmen.

Teilen:

Der Kommentarbereich ist geschlossen.