Das vielleicht letzte Derby für die kommenden Jahre wartet auf den 1. FC Köln. Vor dem Duell gegen Borussia Mönchengladbach sprechen wir mit Autor und Fohlen-Fan Heinz-Georg Breuer.

Gefühlt abgestiegen in die Rückrunde starten: Das kann wohl nur der 1. FC Köln. So könnte es sein, dass am am 18. Spieltag, wenn Borussia Mönchengladbach zu Gast im Müngersdorfer Stadion ist, das für die kommenden Jahre vielleicht vorerst letzte Rheinische Derby auf dem Programm steht. Bei aller vorhandenen Rivalität ist das keine prickelnde Aussicht, um ehrlich zu sein.

Bevor wir aber zu trübselig Abschied aus der Bundesliga nehmen: Noch ist nicht aller Tage Abend – und mit einem Derby-Sieg kann der effzeh die Hoffnung auf den Klassenerhalt sicherlich noch einmal befeuern. Mit dem Gladbach-Fan, Journalist und Autor Heinz-Georg Breuer, der auf über 60 Jahre Fan-Dasein zurückblicken kann, sprechen wir über die aktuelle Lage des effzeh, die Personalie Raffael und Schadenfreude gegenüber dem Derby-Gegner.

Die Bundesliga startet am Sonntag in die Rückrunde. In der Vorbereitung hat die Borussia ihr Testspiel gegen Mainz gewonnen. Hat dich die zugegeben kurze Vorbereitung überzeugt?

Ja, ich habe mir das Spiel auf „Fohlen-TV“ tatsächlich angeschaut und muss sagen, dass wir relativ überzeugend gespielt haben. Was die Mannschaft auf den Platz gebracht hat, war durchaus stabil.

Könnt ihr am Sonntag aus dem Vollen schöpfen oder ist euer Krankenlager auch größer als der aktuelle Kader?

Naja, die üblichen Langzeitverletzten wie Traore, Strobl und Co. fallen weiterhin aus. Aber es kommen auch ein paar zurück. Die wichtigste Nachricht ist wohl, dass Raffael fit ist und am Sonntag im Derby spielen kann.

MOENCHENGLADBACH, GERMANY - AUGUST 20: Raffael of Moenchengladbach (l) and Frederik Sorensen of Koeln during the Bundesliga match between Borussia Moenchengladbach and 1. FC Koeln at Borussia-Park on August 20, 2017 in Moenchengladbach, Germany. (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Was bedeutet diese Rückkehr für die Mannschaft?

Das kann natürlich zu gewissen Härten führen, denn irgendeiner muss dann ins Gras beißen und wird nicht in der Startelf stehen. Da das nicht Hazard sein wird, vermute ich, dass es Herrmann oder Grifo treffen wird. Beide haben ja den Anspruch formuliert, von Beginn an Stammspieler zu sein. Also: Härten wird es schon bedeuten. Wir können zwar nicht aus dem Vollen schöpfen, aber es wird zunehmend besser.

Schauen wir kurz zurück: Wie bewertest du denn die Hinrunde der Fohlen?

Sehr, sehr unterschiedlich. Es gab eine große Bandbreite an Spielen und Leistungen. Unterm Strich kann man sagen, dass die Mannschaft zwar nicht stabil war und dass die Punkteausbeute für diese Instabilität sehr zufriedenstellend ist. Man muss nicht unbedingt 28 Punkte holen, wenn man sich noch nicht zu 100 Prozent gefunden hat. Von den Zahlen her muss man wirklich zufrieden sein. Man muss auch berücksichtigen, dass wir zu Beginn der Saison zwei Leistungsträger verloren haben. Wenn man einen Andreas Christensen und einen Mahmoud Dahoud weggibt, muss man diesen Verlust auch erstmal auffangen. Aber da scheint die Mannschaft auf einem guten Weg zu sein.

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Du bist also zufrieden mit dem aktuellen Tabellenplatz…?

Naja, wenn am Ende ein Euro-League-Platz drin wäre, muss man einfach zufrieden sein.

Das kann ich bestätigen. Wir sind ja jetzt eher so Schlusslicht mit mageren 6 Punkten. Hand aufs Herz: Hättest du das vor der Saison gedacht?

Soll ich ehrlich sein? Ich habe natürlich nicht dieses Ausmaß vorhergesehen, das konnte niemand. Aber dass der FC Schwierigkeiten bekommen würde, damit habe ich schon gerechnet. Aus zwei Gründen: Einmal haben das viele, die plötzlich eine Dreifachbelastung haben und diese jahrzehntelang nicht gehabt haben. Da gibt es Beispiele, beim VfL Bochum angefangen, der ja auch damals abgestiegen ist. Über Hertha, Augsburg und und und. Mit dieser Dreifachbelastung konnte man schon davon ausgehen, dass es für den FC eher problematisch wird in dieser Saison.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Der zweite Grund, warum ich mit einem Einbruch gerechnet habe, ist – das wirst du jetzt nicht so gerne hören, denn das ist so typisch kölsch: Kaum ist man mal wieder auf einem guten Weg, wird direkt übertrieben und man will in Köln sofort Champions League-Sieger werden. Übersteigerte Erwartungshaltungen haben eventuell auch ihren Teil zum Absturz beigetragen. Mit dem Erreichen des Euro-League-Platzes sind in Köln die Erwartungen mal wieder ins Unermessliche gestiegen.

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Außerdem muss ich sagen, dass man in Köln ein bisschen das eigene Leistungsvermögen überschätzt hat. Die letzte Saison war zwar gut und das Team um Peter Stöger hat auch gute Arbeit geleistet – und ganz nebenbei nicht nur im letzten Jahr sondern in all den Jahren – aber es war jetzt nicht unbedingt der ansprechendste Fußball, den es geben kann. Trotzdem habt ihr euch über die letzten vier Jahre stabilisiert, auch im Umfeld – bis auf diese überzogene Erwartungshaltung, wie ich finde. Insofern, wenn man das zusammenpackt, hat man vielleicht Erklärungen für den krassen Absturz. Aber dass es so dramatisch werden würde, da konnte keiner von ausgehen.

Wenn man sich so ansieht, wie der FC nicht nur sportlich in Trümmern liegt, überwiegt da die Gladbacher Schadenfreude?

Nein, überhaupt nicht.

MOENCHENGLADBACH, GERMANY - AUGUST 20: Christoph Kramer of Moenchengladbach (l) and Milos Jojic of Koeln during the Bundesliga match between Borussia Moenchengladbach and 1. FC Koeln at Borussia-Park on August 20, 2017 in Moenchengladbach, Germany. (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Das Drama ist derzeit schon schlimm anzusehen, oder?

Natürlich ist das schlimm anzusehen. In eurer Situation ist ja auch alles Mögliche zusammengekommen: Schiedsrichterleistungen, Verletzungen und was sonst noch alles. Schadenfreude gibt’s bei mir persönlich sowieso nicht den Kölnern gegenüber, ich stehe auch nicht für dieses verbissene Freund/Feind-Verhältnis. Aber ich glaube, das wird auch den Kölnern nicht gerecht, wenn man da schadenfroh ist. Zumal wir euch – und das kann man jetzt auch wieder lustig nehmen – doch für das Derby brauchen. Und ohne euch gibt es keine sechs Punkte.

Ich stimme dir zu, dass da nächste Saison etwas fehlen wird.

Moment, in diese Bemerkung hast du schon eine Aussage gelegt. Wolltest du mich nicht noch fragen, ob ihr den Klassenerhalt noch schafft – oder eben nicht?

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Was denkst du denn? Schafft der effzeh den Klassenerhalt?

Es wird ganz schwer. Meinetwegen sind dann die Verletzten wieder an Board, Hector ist wieder dabei und meinetwegen kommt ihr auch wieder zu einer normalen Punkteausbeute, aber die Konkurrenz schläft ja halt auch nicht. Ihr habt in der Hinrunde einfach zu viele Punkte liegengelassen.

Sag mal, bislang hatte ich gar nicht auf dem Schirm, dass Mark Uth auch in Gladbach ein Thema war. Stimmt das?

Das habe ich auch gelesen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Uth ernsthaft eine Option war. Für diese Personalie müssten wir ja erstmal zwei Spieler abgeben, die dann nicht mehr benötigt werden. Wir haben Josip Drmic und der wird auch aus meiner Sicht nichts mehr reißen. Was ich noch viel problematischer finde: Wir haben einen Bankersatz verpflichtet, ähnlich wie bei euch Pizarro, sage ich jetzt mal. Wir haben Bobadilla zurückgeholt, aber was kein Mensch weiß: Er ist einer der Top-Verdiener in Gladbach. Und das will bei all den Kramers, den Ginters und den Raffaels schon was heißen. Da kann man nicht einfach einen Uth, der ja auch Geld verdienen möchte, verpflichten. Mal abgesehen davon, dass wir mit Julio Villalba einen hochtalentierten Spieler im Kader haben. Solche Leute stößt du mit einem Uth-Transfer auch vor den Kopf. Also ja, Uth war ein Thema in Gladbach und ist in der Presse diskutiert worden, aber ich habe das nicht ernst genommen.

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Kommen wir nochmal auf Sonntag zurück. Wie hoch ist für die Borussia die Fallhöhe? Eigentlich müsste doch Gladbach viel mehr Angst vor diesem Spiel haben als die Kölner, die nichts mehr zu verlieren haben.

Ja, das ist so. Die Situation ist eine ganz andere als bei unserem letzten Spiel in Köln, das ja 3:2 für uns ausging. Da, wenn ich das noch ergänzen darf, ist mir sehr deutlich geworden, was ich eben mit dem eigenen Leistungsvermögen gesagt habe: Ich habe selten ein Derby gesehen, in dem die Heimmannschaft gespielt hat wie das Kaninchen vor der Schlange. Das war in dem Spiel so. Und das Sahnehäubchen war ja, dass als ihr endlich ein bisschen Land gesehen habt, dieser Stöger mit Maroh den dritten Innenverteidiger einwechselte. Entschuldigung, aber das war der absolute Schwachsinn. Aber jetzt ist die Situation völlig anders, wir haben alles zu verlieren – ihr nichts. Ob das am Ende ausschlaggebend sein wird, weiß ich nicht, aber es könnte eine Rolle spielen.

Der FC sorgt gerade auch wieder für viele Schlagzeilen auch abseits des Platzes…

Ja, das macht ihr öfter. Ihr seid halt „spürbar anders“.

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Touché. Aber wie siehst du das: Ist der „alte“ FC wieder zurück? Sind wir wieder der Chaos-Verein von früher?

Ich befürchte das. Denn das war eine der wirklich wohltuenden Verdienste von Stöger/Schmadtke: Sie haben das Umfeld in Köln beruhigt. So habe ich das empfunden. Umso unverständlicher, wenn man dann liest, dass sich die beiden hinter den Kulissen in dieser Saison entzweit haben, nachdem sie so lange an einem Strang gezogen haben. Ob da jetzt der eine auf den anderen eifersüchtig war, keine Ahnung. Aber das konntet ihr ja nun gar nicht gebrauchen.

Wie bewertest du denn die Personalie Veh?

Ich kenne ihn nur aus Gladbach. Da war er ja ein sehr schweigsamer Mensch. Ob er jetzt die Erwartungen, die in einer Weltstadt wie Köln gestellt werden, erfüllen kann, wage ich zu bezweifeln.

Wie ist denn abschließend dein Tipp für Sonntag?

Da wirst du jetzt natürlich keine überraschende Aussage von mir bekommen. Ich sage ein 2:1-Arbeitssieg der Fohlen.

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3 Kommentare

  1. Ralf Friedrichs am

    Der Mann mag von Gladbach Ahnung haben, vom FC hat er leider nicht viel Kenntnis. Das beweist der übliche „Medien-Nachsprech“ von der ach so hohen Erwartungshaltung in Köln, die es de facto gar nicht gegeben hat. Im Gegenteil, im Umfeld wurde sogar laut vor der Saison gewarnt und Teile der Fanszene haben bereits seit dem Sommer 2016 Probleme auf der Geschäftsführer-Sport Seite klar erkannt und benannt. Erst recht dann im Sommer 2017, als der FC eine Transferpolitik fuhr, die mit Ansage in den Abstiegskampf führen musste. Nur beim effzeh selbst und einigen seiner abgehobenen Entscheidungsträger wollte das keiner hören und so kam es am Ende noch viel, viel schlimmer!

    Es bringt aber nichts, die sattsam bekannten Thesen zu wiederholen, also zurück zur Kernaussage, die lautet das Herr Breuer in seinen effzeh-Thesen meines Erachtens in einigen Bereichen ziemlich daneben liegt. Absolut Recht hat er aber mit seiner Aussage zum letzten Derby in Köln, noch in der alten Saison. Als Stöger Maroh einwechselte, wäre ich am liebsten auf den Platz gesprungen, um das zu verhindern (da hätte ich mich aber hinten anstellen können). Darin liegt auch ein Grund für den Absturz, Stögers Trainer-Leistungen sind im gesamten Kalenderjahr 2017 kritisch zu betrachten, auch er ist neben Schmadtke Hauptverursacher der Monsterkrise. Sein durch jahrelange gute Leistungen gewachsener Heiligenschein bei den Medien und auch bei weniger reflektierenden Fans führte aber dazu, das dies weggeschwiegen wurde. Und dem Vorstand fehlte der Mut, angemessen auf die Leistungen seines Führungspersonals Schmadtke/Stöger zu reagieren.

    • Also nach aussen wirkt das mit der Erwartungshaltung halt komplett anderst. Wenn man im Internet immer liest Bla Bla Bla Bla. Klar sind das nur wenige, aber du kannst halt auch nicht erwarten das der Herr mit 60 Kölnern zutun hat.

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