Der 1. FC Köln entlässt nach einer turbulenten Woche Peter Stöger. Die Menschlichkeit des Trainers war eine Besonderheit im Fußball, die Art und Weise wie er vom Verein verabschiedet wurde einfach nur unwürdig. Die FC-Familie sagt schluchzend Servus.

Peter Stöger ist weg, und eine ganze Stadt hat plötzlich Tim Handwerkers jugendliche Tränen in den Augen. Dieser seltsame Mann aus Wien, er hat so perfekt zu diesem seltsamen Köln am Rhein gepasst, wie selten ein Trainer zu irgendeiner Stadt und ihrem Fußballverein. Auch wenn vor viereinhalb Jahren noch keiner von dem Märchen zu träumen gewagt hätte, was sich nach Stögers Ankunft in der Domstadt entwickeln sollte.

Dass mit dem Wiener und seinem kongenialen Co-Trainer Manfred Schmid ein anderer, neuer Wind Einzug erhalten würde, war auch im Sommer 2013 schon schnell klar. Stöger und sein Team zeigten keine Starallüren, sondern nahmen die Stadt, ihre Bewohner und den Verein inklusive aller merkwürdigen Marotten, wie sie nun einmal sind. Das hieß auch im Facebook-Interview mit effzeh.com über das perfekte Schnitzel zu referieren. Oder auf die Frage, ob er nach dem Pokalsieg in der Europa League denn einen Anzug anziehen werde, mit „… und mit roter Krawatte“ zu antworten, um dann hinterher zu schieben: „Freunde, ihr habt Träume! Aber sehr gut so! Liebe Grüße, Peter.“

Stöger versprach nie Wunderdinge

Der ehemalige Austria-Coach versprach bei seiner Ankunft und danach keine Wunderdinge, sondern entwickelte die Mannschaft des 1. FC Köln einfach Stück für Stück weiter. Das war sein Weg und Stöger, das weiß man mittlerweile, bleibt ihm stoisch treu. Ob im sportlichen Bereich oder auf menschlicher Ebene: Der Name Stöger, das kann man ihm nach all der Zeit in Köln wohl mit Sicherheit attestieren, steht vor allem für Aufrichtigkeit.

COLOGNE, GERMANY - APRIL 21: Head coach Peter Stoeger of 1. FC Koeln celebrates with his team during the Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and VfL Bochum at RheinEnergieStadion on April 21, 2014 in Cologne, Germany. (Photo by Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images)

Foto: Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images

Der ehemalige österreichische Nationalspieler ist keiner, der irgendjemand übermäßig in den Himmel gelobt hätte. Einen seiner Spieler oder Kollegen vor allen Augen anzugehen, übermäßig zu kritisieren oder gar bloß zu stellen, das würde Stöger andererseits allerdings auch niemals tun. In den viereinhalb Jahren hat der Wiener seine Spieler zu einer Mannschaft geformt. Und sich immer vor sie gestellt. Einer für alle, alle für einen.

An der langen Historie dieses Ausspruchs wird auch schon deutlich: Stöger hat die Menschenführung nicht neu erfunden. Er ist kein Messias oder so etwas. Der Trainer und sein Co-Trainer befolgten beim FC im Grunde simple Regeln. Vertrauen, Respekt und Loyalität, das sind für Stöger und Schmid die Grundpfeiler, mit denen Erfolg überhaupt nur möglich sein kann. Kaum ist der Trainer weg, zeigt sich beim 1. FC Köln: Vor allem dass sich genau diese Werte immer mehr verabschiedet haben, ist für den so deprimierenden Schlussakt, den das Fußballmärchen nun bekommen hat, maßgeblich gewesen.

Feind im eigenen Bett

Der Anfang vom Ende scheint dabei nicht in der vollkommen ausgeuferten sportlichen Krise der aktuellen Bundesliga-Saison zu liegen. Bereits im Sommer nach der sensationellen Europapokal-Qualifikation der „Geißböcke“ hatte die Beziehung innerhalb des von der Öffentlichkeit damals ausgiebig gefeierten Kölner Erfolgsduos bestehend aus Stöger und Jörg Schmadtke heftig gelitten. Das pfiffen die Spatzen damals schon von den Dächern des Geißbockheims und so berichtet es nun auch der „kicker“.

Der Geschäftsführer habe sich mehr und mehr an seinem extrem beliebten Trainer gestört. „Schmadtke stieß sich an Kleinigkeiten, so lange, bis es schmerzte“, berichtet das Fachmagazin. Der Erfolgsmanager habe die Außendarstellung, den Umgang mit Spielern, das Verhältnis zu Journalisten und Mitarbeitern bei Stöger bemängelt. Die Reaktion des Wieners sei freilich nicht ausgeblieben. Ein Transfersommer mit weitgehender Funkstille zwischen Trainer und Geschäftsführer war die Folge.

WOLFSBURG, GERMANY - JANUARY 31: Peter Stoeger head coach of Cologne (R) in discussion with Joerg Schmadtke athletic director of Colonge prior to the Bundesliga match between VfL Wolfsburg and 1. FC Koeln at Volkswagen Arena on January 31, 2016 in Wolfsburg, Germany. (Photo by Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Nach Saisonbeginn spitzte sich das Kölner Dilemma durch den sportlichen Niedergang dann immer weiter zu. Die Kölner verloren Spiel um Spiel. Der Trainer moderierte für die Mikrofone, Schmadtke hielt sich öffentlich bedeckt, fühlte sich aber insgeheim als Buhmann. Irgendwann brach es aus dem gebürtigen Düsseldorfer heraus, der „meist gehasste Mann in Köln“ sei er. Während Stöger zwar Mitverantwortung attestiert, aber seine Position nie grundsätzlich von Fans und Presse angetastet wurde, sah Schmadtke sich einer „Hexenjagd“ ausgesetzt. Tatsächlich wurde die Kaderplanung des Managers intensiv diskutiert, mehr aber auch nicht. Die Misere mündete schließlich, so steht es im Fachmagazin geschrieben, in der Demission des Geschäftsführers. Bis heute sollen Stöger und Schmadtke seitdem nicht mehr miteinander gesprochen haben. „Eine Prise Neid, ein wenig Eifersucht, dazu ein Löffel Abneigung“, fasst Frank Lußem die Beziehung, oder besser gesagt die Überreste davon, schlussendlich zusammen.

Auch Stöger hat Fehler gemacht

Sollte diese Darstellung stimmen – und es gibt wenig, was einen daran zweifeln lassen würde – zeigt sich auch darin die Konsequenz des Österreichers, die sich manchmal vielleicht auch in Sturheit verwandelte. Schmadtke verhielt sich in den Augen Stögers ihm gegenüber anscheinend nicht loyal, intern bekam der Geschäftsführer von seinem Trainer dafür die Quittung. Rückblickend muss man vielleicht feststellen, dass Stöger, der in dieser Phase müde und ausgebrannt wirkte und das auch bestätigte, heftiger hätte intervenieren können. Der Österreicher ist aber ein Pragmatiker, kein Visionär.

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6 Kommentare

  1. Es ist richtig, was im Artikel steht: Köln und Stöger passten gut zusammen. Ich würde ergänzen: Vielleicht zu gut.
    Was mir in dem Artikel fehlt, ist die Tatsache, dass der FC dabei ist, die schlechteste Hinrunde hinzulegen, die bisher je in der Bundesliga gespielt wurde. Man konnte vielleicht auch bei den großen Ligen in Europa nachschauen, ob es in deren Geschichte schon einen Klub gegeben hat, der ähnlich erfolglos dagestanden ist. Ich jedenfalls erinnere mich nicht.
    Und diese Misere muss doch auch etwas mit dem verantwortlichen Trainer zu tun haben. Zumindest doch „auch“, oder nicht? Im Stadt-Anzeiger von heute wurde berichtet, dass bei der Suche nach einem neuen Geschäftsführer und Trainer dem FC von außen des öfteren gespiegelt worden sei, die Mannschaft wirke nicht fit und nicht aggressiv und die Aufstellungen seien unverständlich. Ich kann das nicht wirklich beurteilen, weil mir dazu die Fachkompetenz fehlt, aber so etwas habe ich von anderen Fans auch schon immer gehört.
    Ich wüsste nicht, dass Peter Stöger – der ja dauernd in den Medien präsent war – für die Misere seines Teams Verantwortung übernommen hätte. Jörg Schmadtke war ja der Bösewicht – und dann am Schluss der Vorstand, der menschliche Werte mit Füße getreten habe, wie etwa Respekt, Vertrauen usw, soStöger. Derselbe Vorstand, der ihn bis dahin in der Öffentlichkeit nie angegriffen oder kritisiert hatte. Mit seinen krassen und ungerechten Anschuldigungen lieferte Stöger, dem nach eigenen Bekunden so viel am FC liegt, der Boulevard-Presse die Stichworte, die jetzt dauernd wiederholt und von einem Teil der Fans aufgegriffen werden.
    Aber wenn all das nicht stimmen sollten, so bleibt doch eins: Kein Klub kann und kein Klub sollte einen Trainer halten, der nach 14 Spieltagen mit drei Punkten dasteht.

  2. Jetzt nimmt die Legendenbildung aber etwas überhand. Und vor allem auswärtig wohnende Fans kriegen sich gar nicht mehr ein in ihrer Verachtung gegenüber dem Vorstand.

    Was sie dabei vergessen: Wäre Stöger bei gleich bleibenden Leistungen der Mannschaft Trainer geblieben bis zum erwartbar bitteren Ende, wie viele Stadionbesucher hätten sich dies gefallen lassen? Dass sie bereits Konstantin Rausch ausgepfiffen und „Wir haben die Schnauze voll“ geträllert haben , ist offenbar in Vergessenheit geraten, obwohl es noch nicht lange her ist. Und das wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit schlimmer geworden.

    Wer wegen der Trennung von einem nonchalant und sympathisch auftretenden Trainer, dem ich charakterlich außerhalb einer gewissen Verbohrtheit (Rausch, Lehmann, Standards offensiv wie defensiv) nichts vorwerfen möchte, die Mitgliedschaft kündigt, soll das machen. Dann war das halt ein Schönwetter-Mitglied und/oder neigt zum Personenkult. Denn die Behauptung, schon seit Ewigkeiten Mitglied und Fan zu sein, die Overath-Ära überstanden zu haben, ohne zu kündigen, dann aber jetzt hinzuwerfen, kann ich nicht ernst nehmen.

  3. Es ist unglaublich….. bin seit 40 Jahren mit dem Herzen FC-Fan, komme aus dem Norden und habe schon viel durchmachen müssen! Wurde hier oben oft belächelt für „meinen“ Club.
    Aber seitdem Peter in Köln mit seiner Art alles auf den Kopf gestellt hat, wurde mein Stolz immer größer und die Anerkennung aus dem Norden erst recht!! Unser FC war wirklich „spürbar anders“!! Und jetzt??? Ich war selten so traurig und enttäuscht in meinem Leben…… SERVUS Peter, wirst im in meinem Herzen bleiben!!!

  4. Wolfgang Neumann am

    Ein wunderbarer Artikel, den ich in jeder Hinsicht unterstützen möchte. Ich bin als Berliner Anhänger des FC seit der
    Deutschen Meisterschaft 1962. Was ich im Laufe der Jahrzehnte an traurigen Tiefpunkten mit meinem Verein erleben musste, weiß jeder Kölner Fan meines Alters.
    Das Verhalten des aktuellen Vorstands stellt aber einen Höhepunkt an Dilettantismus und Schäbigkeit dar, der seines –
    gleichen sucht. Die unglaublich dämliche Wahl des Zeitpunkts der Entlassung , das scheinheilige Abwälzen der Schuld auf den Trainer, die grausam peinliche Pressekonferenz – man weiß gar nicht, wofür man sich am meisten schämen soll.
    Ich gratuliere dem Ex-Mitglied Wengenfeld zu seinem Entschluss des Vereinsaustritts und hoffe, dass viele seinem
    Beispiel folgen werden.
    Und eines möchte ich am Schluss unbedingt noch loswerden: Abgesehen von der Vorgehensweise im Fall Heldt,
    finde ich es extrem schlimm, dass mit Heldt und Beiersdorfer schon wieder Namen aus dem Kölner Klüngel auftauchen,
    die ganz bestimmt nicht dazu beitragen würden, den FC aus dem Schlamassel zu ziehen.

  5. Werner Wingenfeld am

    Der Rest ist Schweigen.
    Auch wenn es sicher nur symbolischen Wert hat: Ich habe heute meinen Austritt aus dem Verein erklärt. Im Herzen bleibe ich FC-Fan, aber formal möchte ich nichts mehr mit diesem Vorstand des galoppierenden Dilletantismus‘ und der ethischen Unanständigkeit zu tun haben.
    Werner Wingenfeld

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