Der „Football Manager 2018“ kommt bald auf den Markt. Die neueste Ausgabe des Videospiels enthält Fußball-Profis, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen. Damit ist die Simulation der Realität voraus. 

Es ist nun schon ein paar Tage her, dass die englische „BBC“ in einem großen Stück thematisierte, dass die neueste Ausgabe der „Football Manager“-Reihe ein Feature enthalten wird, das es bis heute in der echten Fußballwelt nicht zu geben scheint.

Das beliebte Videospiel des Studios „Sports Interactive“ simuliert bereits seit einer gefühlten Ewigkeit den kompletten Fußballkosmos und lässt den User eintauchen in die Welt des Sportmanagements. Das Ziel: Virtuelle Träume von der fußballerischen Weltherrschaft mit dem zunächst mittellosem Drittligisten des Herzens möglich zu machen – und neben die Realität des Geschäfts möglichst genau zu simulieren. Das gelingt den britischen Machern meistens gut.

In der jüngsten Ausgabe des Spiels wird es nun eine kleine Neuerung geben, die außerhalb der Fußballwelt keine große Sache mehr ist. In „Football Manager 2018“ werden sich Spieler zu ihr Homosexualität bekennen – und der Club wird wenig später davon wirtschaftlich durch das hinzugewonnene Interesse der LGTB-Community profitieren. „Es ist selten, aber wir wollen dennoch, dass es als etwas Positives angesehen wird“, erklärt Unternehmensvertreter Miles Jacobsen im Gespräch mit der „BBC“. „Wir wissen, dass es noch immer Profis gibt, die sich nicht als schwul oder lesbisch outen möchten. Wir möchten zeigen, dass ein Coming-Out keine große Sache ist und es sogar etwas Gutes sein kann.“

Bisher noch kein Coming-Out eines aktiven Spielers

Obwohl Deutschland schon schwule Außenminister hatte, sich in den homosexuellen Neil Patrick Harris in seiner Rolle in „How I Met Your Mother“ verliebte und nahezu jeder Fußballprofi die komplette Produktlinie des ebenfalls schwulen Apple-Chefs Tim Cook sein Eigen nennt, hat sich bis heute kein einziger aktiver Fußballer in diesem oder einem anderen Land auf diesem Planeten zu seiner Homosexualität bekannt.

Nach der Tragödie um Justin Fashanu, der 1990 sein Coming-Out hatte und sich acht Jahre später selbst das Leben nahm, dauerte es bis ins Jahr 2013, ehe der ehemalige Leeds-Profi Robbie Rogers sich nach seinem Karriereende zu seiner sexuellen Orientierung bekannte. Ein Jahr später folgte mit Thomas Hitzlsperger der bisher letzte und prominenteste Name auf der kurzen Liste der offen schwul lebenden Ex-Fußballer. Der deutsche Nationalspieler wartete mit dem Schritt an die Öffentlichkeit ebenfalls, bis er seine Laufbahn offiziell beendet hatte. Diesen Schritt zu gehen, während er noch Profi war, erklärte Hitzlsperger damals, sei für ihn „nicht vorstellbar“ gewesen.

PRAGUE, CZECH REPUBLIC - JUNE 20: Former german national player Thomas Hitzlsperger looks on before the UEFA European Under-21 Group A match between Germany and Denmark at Eden Stadium on June 20, 2015 in Prague, Czech Republic. (Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Bei den Entwicklern von „Sports Interactive“ will man nun seinen Teil dafür tun, diesen Zustand zu ändern. Zwar müsse man auf die rückständigen Gesetze in manchen Ländern Rücksicht nehmen, weswegen es keine Outings von Spielern aus Staaten, in denen Homosexualität unter Strafe steht, geben werde. Dennoch wolle man die Möglichkeiten, die man zur Verfügung habe, nutzen, erklärte Jacobsen. „Ich finde es verrückt, dass das im Fußball immer noch ein Problem ist.“

„Verrückt, dass es im Fußball immer noch ein Problem ist“

„Wir versuchen, den Leuten zu zeigen, dass ein Coming-Out keine große Sache ist und Positives bewirken kann“, führt er aus. Um die in der Simulation enthaltenen echten Spieler handle es sich dabei aber nicht, erklärt der Entwickler. Lediglich unter den vom Entwickler selbst generierten Nachwuchsspielern, ohne die eine Simulation nach wenigen Jahren enden würde, werde es zu den seltenen Coming-Outs kommen. „Mit diesen Spielern können wir Dinge machen, die wir mit den echten Profis nicht machen können – sie können uns ja nicht verklagen“, erklärt Jacobsen.

„Sports Interactive“ gehe es dabei aber gar nicht so sehr darum, die Meinung der Kunden zu ändern. Vielmehr wolle man das Thema einfach normalisieren – endlich auch im Fußball. Angst, dass das Spiel durch die Neuerung Anhänger verlieren könnte, hat Jacobsen nicht. „Wenn jemand sich deswegen dazu entscheidet, das Spiel nicht zu kaufen, dann tut er mir ehrlich gesagt richtig Leid.“

Football Manager: Simulation ist Realität voraus

Beim Spiele-Entwickler glaubt man nach Beratungen mit der Anti-Diskriminierungs-Gruppe „Kick it Out“ und der Analyse von Coming-Outs in anderen Sportarten ohnehin, dass man lediglich das wahrscheinlichste aller Zukunftsszenarien abbilde. Sollte das erste reale Coming-Out eines aktiven Profi-Fußballs passieren, „würde es eine ‚Ah, OK.. und sonst so?‘-Reaktion geben“, glaubt Jacobsen. „So ist es überall sonst auch gelaufen“, erklärt der Sprecher. „Alles würde ganz normal weiter gehen.“

Dass der Bericht der „BBC“ in Deutschland in der Sportberichterstattung bisher so gut wie gar keine Beachtung fand und wenn überhaupt von Videospiel- und Lifestyle-Magazinen aufgegriffen wurde, ist allerdings ein Umstand, der einen in diesem Kontext durchaus etwas ratlos zurücklässt. Entweder hat die Presselandschaft ebenfalls schon die eigentliche Normalität der Neuerung in „Football Manager 2018“ erkannt und somit so reagiert, wie Jabobsen es sich erhofft. Das wäre gut. Oder sie scheut das Thema wie der Rest der Branche immer noch, weil das Business noch rückständiger ist, als man es sich vorstellen mag. Das wäre katastrophal.

Klar ist aber sowieso: Dass eine Videospiel-Simulation der Fußballwelt voraus ist und ihr zeigen muss, dass es mehr als überfällig ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem jeder offen und ohne Versteckspiel lieben kann, wen er möchte, ist die größtmögliche Ohrfeige, die der Fußball-Zirkus hätte bekommen können. Sie ist aber auch mehr als verdient.

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