Kapitel 1 der eigentümlichen Kooperation zwischen China und DFB beginnt mit einem nicht zu erwartenden Eklat. Alle Akteure scheinen schlecht vorbereitet.

Das sehr umstrittene Projekt mit Chinas U20-Nationalmannschaft als Sparringspartner in der Regionalliga Südwest beginnt mit einem Eklat, dessen Entstehung ein wenig überraschte. Dabei hatte sich Ärger bereits angedeutet, weil insbesondere Traditionsvereine aus der Regionalliga Südwest gegen das Projekt protestieren: die Stuttgarter Kickers, TuS Koblenz und Waldhof Mannheim verzichteten im Vorfeld auf die Austragung einer solchen Partie und damit die 15.000 Euro Gage. Die Fans kritisierten im Vorfeld die Ausmaße der Kommerzialisierung im Sport, allerdings auch fehlende Transparenz und die Art der Kommunikation des DFB (effzeh.com berichtete).

Fußball und Politik lassen sich nicht trennen

Dass Fußball und Politik nicht zusammengehören, kann man ja aus irgendwelchen Gründen immer mal wieder vernehmen – obwohl es wohl keine These gibt, die falscher sein könnte. Dass Fußball und Politik eben doch sehr stark miteinander verflochten sind, zeigte sich eben beim ersten Auftritt der chinesischen U20 in einem Testspiel gegen einen Südwest-Regionalligisten. Beim Spiel gegen den TSV Schott Mainz, das vor etwa 400 Zuschauern stattfand, kam es zu einer Spielunterbrechung von etwa 20 Minuten. Die 400 Zuschauer bestanden vorrangig aus Journalisten, allerdings gab es auch knapp 50 Chinesen, die ihre Nationalmannschaft unterstützen wollten.

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Es waren aber keine randalierenden Ultràs, die mit Bengalos und Rauchfackeln eine Austragung des Spiels unmöglich machten, es waren keine „Chaoten“, die den Platz stürmten und gegen die Kommerzialisierung des Fußballs protestierten. Es waren keine beleidigenden Banner in Richtung des DFB oder der chinesischen Delegation zu sehen, nein – die Kritik an diesem Projekt kam sehr subtil daher.

„Tibet Initiative Deutschland“ und keine randalierenden Ultràs

Sechs Vertreterinnen und Vertreter der „Tibet Initiative Deutschland“ hängten tibetische Fahnen auf, die ein chinesischer Offizieller dann offenbar abzureißen versucht hatte. Tibet ist seit Jahren von China annektiert, aus völkerrechtlicher Sicht ist der Status des Landes sehr umstritten. Ein Vertreter der Initiative sprach gegenüber dem SWR davon, durch das Aufhängen der Fahnen auf die „schlechte Situation“ in Tibet aufmerksam zu machen, wo Menschenrechte massiv missachtet würden. Die Spieler auf dem Feld bekamen mit, dass es an der Seitenlinie ein wenig Unruhe gab und stellten dann das Spielen ein. Nach der ungefähr 20-minütige Unterbrechung konnte das Spiel fortgesetzt werden, Chinas U20 verlor schlussendlich mit 0:3.

China, Tibet, DFB und U20: Eine hochsensible Konstellation

„Die chinesischen Spieler haben von jetzt auf gleich den Platz verlassen. Trainer Sun Jihai hat sich nicht großartig aufgeregt, er hat sich so verhalten, als wäre es eine Trinkpause gewesen – außer, dass es eben nicht so warm war. Erst danach hat man gesehen, dass bei der Tribüne ein kleiner Menschenauflauf war, weil sich dort auf einmal viele Security-Leute versammelt hatten. Da wurde klar, dass Aktivisten tibetische Flaggen herausgeholt hatten. Ich glaube, Sun Jihai hat das sofort realisiert, er sah so aus, als wäre er einverstanden mit der Pause. Alles lief danach sehr ruhig ab, ohne Aufregung. Alle Spieler der U20 Chinas verließen den Platz, ohne nur einmal die Tribüne angeschaut zu haben. Sie waren total teilnahmslos“, erzählte uns Ali Farhat, Journalist für „So Foot“, am Sonntagmorgen.

Das Sportliche war nach der Partie natürlich kein Thema, und es hätte auch eigentlich keines werden müssen. Welchen Wert hat eine solche Partie schon? Das Projekt soll dafür sorgen, dass Chinas Plan, langfristig zu einer Weltmacht im Fußball aufzusteigen, langsam an Kontur gewinnt – Spiele gegen deutsche Südwest-Regionalligisten sollen den chinesischen Spielern dabei helfen, sich auf das Olympische Fußballturnier 2020 in Tokio vorzubereiten. Die im vergangenen Jahr zwischen Chinas Regierung und dem DFB abgeschlossene Kooperation wurde damals als großer Meilenstein gefeiert, mit dem der deutsche Fußball gleichermaßen in neue chinesische Absatzmärkte vorstoßen und gleichzeitig mit den Chinesen neue Freunde im Sport gewinnen könnte. Dass das ganze Unterfangen nicht so einfach ist, dürfte spätestens nach dem ersten Testspiel offenkundig sein.

Politische Komponente der Kooperation unterschätzt

Denn hier prallen zwei Kulturen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während es in Deutschland eine grundlegende fußballerische Infrastruktur gibt, fehlt diese in China komplett – Staatspräsident Xi Jinping kann noch so viel Geld in den Fußball pumpen, Kompetenz, Know-How und Erfolg lassen sich in diesem Zusammenhang nicht kaufen, sondern müssen sich entwickeln. Während es in Deutschland Gott sei Dank das Recht auf freie Meinungsäußerung gibt, ist dies in China nicht der Fall. Wie auch sonst hätte man sich von einigen tibetischen Flaggen sonst so dermaßen aus dem Konzept bringen lassen können? Dass das Zeigen von tibetischen Flaggen nicht verboten sei, betonte auch DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann, der fortan stärker mit der chinesischen Delegation in den Dialog eintreten will.

Lieber DFB: L’éclat, c’est toi !

Und nur um das noch einmal klarzustellen, lieber DFB: L’éclat, c’est toi. Heißt: Tibet-Fahnen im Fußballstadion sind kein Problem, die Reaktion der vom Verband hofierten chineischen Delegation allerdings schon. Der Eklat liegt also nicht im Zeigen der Fahnen, sondern im Verhalten der chinesischen U20-Nationalmannschaft und ihrer Offiziellen.

Das Unterbrechen des Auftakt-Testspiels führt nun dazu, dass die Diskussion um die politische Komponente dieses Projekts jetzt verstärkt geführt werden dürfte. Auch eine größere Medienwirksamkeit dürfte vorhanden sein. Dass Fußball und Politik nämlich sehr wohl zusammengehören, hatten deutsche Fußballfans schon vor längerem erkannt und in Form des Protests zum Ausdruck gebracht. Jetzt dürfte auch auf Ebene des DFB angekommen sein, dass die Kooperation mit China doch nicht so einfach ist, wie man sich das vielleicht anfangs vorgestellt hatte. Es folgen nun bis Mai noch 15 weitere Spiele, in dem der Protest gegen das Projekt weitergehen wird – der Beginn jedenfalls scheint gemacht und es war nicht zu erwarten, dass die „Tibet Initiative Deutschland“ als Akteur auf der Bühne auftreten würde. Der Konflikt zwischen China und Tibet scheint dabei nur einer der vielen Aspekte zu sein, auf deren Grundlage zielführender Protest aufbauen kann.

Jetzt bleibt abzuwarten, wer der nächste agent provocateur sein wird.

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