Eine BBC-Studie verdeutlicht, dass teure Eintrittskarten und soziale Medien dafür sorgen, dass sich Fankultur in Zukunft wandelt. Auch in Deutschland?

Der Strukturwandel in vielen Bereichen des Lebens ist im vollen Gange und macht auch vor der sozialen Gruppierung der Fußballfans nicht halt, wie eine Studie aus dem Vereinigten Königreich unterstreicht. Die „BBC“ befragte in diesem Jahr in einer groß angelegten Umfrage mehr als 200 Vereine und 1000 Fans im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. Unter dem Titel „Price of Football Study“ wurde in erster Linie untersucht, inwieweit sich das hohe Preisniveau im britischen Fußball auf das Fanverhalten der jungen Erwachsenen auswirkt. Die plakativste Erkenntnis: Ein Großteil der jungen Fußball-Fans kann den Sport aufgrund der hohen Preise nicht mehr genießen und bleibt den Stadien fern – und das bei stagnierenden oder sogar sinkenden Dauerkartenpreisen bei etwa zwei Drittel der Vereine.

Während es natürlich begrüßenswert ist, dass viele Vereine ihre Preispolitik nach dem fast endlosen Ansteigen der Kosten in den letzten Jahren etwas angepasst haben und nicht weiter am finanziellen Rad drehen, ist es beunruhigend, sowohl aus britischer als auch aus deutscher Sicht, dass der Generationenwandel in der Fankultur momentan sehr rasant verläuft – mit ungeahnten Konsequenzen für die Vereine und die Fans.

Doch schauen wir uns erst einmal die Ergebnisse genauer an: Auffallend ist, dass 82 % der britischen Fußballfans im Alter von 18 und 24 Jahren angeben, dass die hohen Ticketpreise für sie ein Hindernis seien, um zum Fußball zu gehen. Mehr als die Hälfte von ihnen gibt sogar an, dass das Preisniveau dafür sorgt, dass sie gar nicht mehr oder nur noch zu weniger Spielen gehen können als zuvor. In diesem Zusammenhang sollen auch die Reisekosten dafür sorgen, dass man in Großbritannien eher mal vom Stadionbesuch absieht: Für 65 Prozent der jungen Fußballfans ist dies ein triftiger Grund.

Hohes Preisniveau, weniger aktive junge Kicker: Großbritanniens Fankultur steht vor einem Wandel

In der Premier League ist rein statistisch gesehen sehr auffällig, dass nur vier Prozent aller Dauerkarten Fans zwischen 18 und 24 Jahren gehören. Daran zeigt sich, dass der Strukturwandel der Premier League seit Einführung des Pay-TV und auch des Taylor-Reports eine Umgebung geschaffen hat, die es für junge Menschen nicht mehr attraktiv macht, sich Fußballspiele im Oberhaus anzuschauen. „Diese Fans sind die nächste Generation, aber sie sind in einer teuren und sterilen Umgebung aufgewachsen“, beklagt Rob Wilson, Fußballfinanz-Experte an der Sheffield University gegenüber der „BBC“. Die These, die Verantwortlichen hätten durch die Preis- und Stadion-Politik die jungen Fans aus dem Stadion gefegt, hat also durchaus einen gewissen Nährboden.

Dementsprechend sei es für junge Fans heutzutage normal, nicht mehr so viel Geld für Fußball auszugeben. Das sollte natürlich für die Premier League Warnung genug sein, gerade weil die Studie auch andere Dinge zu Tage fördert. Zwar ist diffus bekannt, dass das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen ihre Art und Weise der Auseinandersetzung mit Fußball fundamental verändert, der Studie gelang es allerdings, diese Ergebnisse greifbar zu machen.

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Frappierend ist dabei eine Zahl: sage und schreibe 63 Prozent der britischen jungen Erwachsenen spielt nicht mehr aktiv im Verein Fußball. Mittlerweile haben Sportwetten und Konsolenspiele in Bezug auf den Fußball das aktive Spielen mehr als deutlich überholt. 44 Prozent der Befragten geben an, regelmäßig auf Fußballspiele zu wetten, für mehr als 60 Prozent gehört das „Fußball spielen“ an der Konsole mittlerweile zum Alltag. Und nur etwas mehr als Viertel der jungen Erwachsenen lässt verlauten, dass es mehr als ein Fußballspiel pro Monat live im Stadion sieht.

Fankultur findet in der Moderne in erster Linie digital statt

Im Bereich des Mediennutzungsverhalten der Befragten gibt es Folgendes zu konstatieren: Für etwa drei Viertel sind soziale Medien Informationsquelle Nummer eins, wenn es um Fußball geht. Printangebote wie Tageszeitungen oder Magazine sind nur für etwa ein Viertel von Relevanz. Mittlerweile haben auch die einschlägigen Applikationen auf Smartphones das Fernsehen als Informationsquelle abgelöst, wie aus der Studie hervorgeht. Vor dem Hintergrund der abnehmenden Anzahl an jungen Fans, die regelmäßig ins Stadion gehen, ergibt sich derzeit im Vereinigten Königreich eine Konstellation, in der sich immer mehr junge Menschen vom Fußball abwenden. Damit wird sich der Stadionbesuch ebenfalls verändern – wenn man in Zukunft mit Entwicklungen wie einer Virtual-Reality-Brille ein Fußballspiel live verfolgen kann, warum sollte man dann eine mühevolle und teure Reise auf sich nehmen, um im Stadion vor Ort sein zu können?

Junge Fans von den Queens‘ Park Rangers im Jahr 1948| Foto: George Konig/Keystone Features/Getty Images

Damit einhergeht aber ebenfalls, dass die Abonnement-Zahlen von Pay-TV-Angeboten bei jungen Menschen immer mehr zurückgehen, wie Rob Wilson unterstreicht. Daran sieht man, dass man diese Studie und ihre Ergebnisse in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einbetten muss, um die Auswirkungen und mögliche Problemstellungen möglichst frühzeitig zu erkennen. Viele Vereine sind mittlerweile so weit und bieten ein umfangreiches Angebot in Bezug auf soziale Medien an, auch e-Sports-Abteilungen werden immer häufiger ins Leben gerufen. Die Frage ist jedoch, ob die derzeit sportlich Verantwortlichen überhaupt in irgendeiner Form abschätzen können, wie sehr sich in den nächsten Jahren die Beziehung zwischen jungen britischen Fußballfans und den Vereinen verändern wird.

Fankultur in Deutschland: Was lässt sich übertragen?

Und was bedeutet das Ganze nun für Deutschland und die Bundesliga? Ist unsere gerne zitierte Fankultur ebenfalls in Gefahr? Gewiss, die Ergebnisse sind nicht zu 100 Prozent auf die Situation hierzulande anwendbar – gewisse Parallelen lassen sich jedoch trotzdem aufzeigen. Christian Seifert, in seiner Funktion als Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, hat ja bereits mehrfach betont, dass England das Modell sei, an dem sich Fußball-Deutschland zu orientieren habe. Die durchschnittlichen Kartenpreise für Bundesliga-Spiele sind auf einem vergleichsweise geringeren Niveau, was aktuell Gott sei Dank noch dafür sorgt, dass junge Menschen sich den Eintritt leisten können. Ein entscheidender Faktor dabei ist natürlich die Verfügbarkeit von Stehplätzen, die es in England schon lange nicht mehr gibt.

Doch ein konstanter Anstieg der Preise dürfte in den kommenden Jahren, unter Berücksichtigung der internationalen Ausrichtung der Bundesliga, eigentlich fast zu erwarten sein und lässt sich in Bezug auf manche Sitzplatzkategorien bereits beobachten. Dementsprechend könnte eine ähnliche Befragung in Deutschland in vielleicht zehn Jahren Ergebnisse bringen, die denen aus Großbritannien gleichen.

Ein Punkt ist jedoch viel wichtiger: Wie gehen die Vereine und die Ligen damit um, dass sich das Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen ändert? Analog zu Großbritannien nehmen auch in Deutschland soziale Netzwerke und mobile Endgeräte eine immer größere Rolle ein. Der Studie der „BBC“ kommt in Deutschland wahrscheinlich die „JIM“-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest am nächsten, die jedes Jahr (ohne Fußballbezug!) aufs Neue die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen im Alter von zwölf bis 19-Jährigen untersucht. Internet und Smartphones sind dabei mittlerweile Standard – fast jeder zweite Jugendliche hat eine Spielkonsole zu Hause (45 Prozent). Gleichermaßen steigt auch die Zeit, die Kinder und Jugendliche im Internet verbringen. Soziale Netzwerke als Informationsquelle nehmen auch von Jahr zu Jahr an Bedeutung zu. Auffallend ist, dass nur knapp acht Prozent der Kinder und Jugendlichen angeben, nie ein digitales Spiel zu spielen – egal auf welcher Plattform.

Auch in Deutschland: Fankultur muss mühsam geschaffen und erhalten werden

Zwar fehlen die Ergebnisse einer solchen Studie wie die der „BBC“ in Deutschland, die oben genannten Zahlen und gewisse gesellschaftliche Tendenzen lassen allerdings erkennen, dass eine ähnliche Entwicklung in Deutschland vonstatten gehen dürfte. Immer weniger Kinder und Jugendliche spielen aktiv Fußball im Verein, wie ein Blick auf die Entwicklung der Bevölkerung und der Anzahl von Jugendmannschaften zeigt. Zwischen 2010 und 2014 gab es in der Altersgruppe der 15- bis 18-Jährigen einen Rückgang von etwa zwölf Prozent. Man kann also konstatieren: Der Vereinsfußball lockt auch in Deutschland immer weniger. Ein Blick in die Lebenswelt der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ergibt, dass Individualität das offenbar höchste Gut zu sein scheint – Dinge wie Vereinsfußball oder auch die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppierung wie beispielsweise Ultràs werden weniger wichtig.

Und wenn der Erstkontakt zwischen einem Kind und einem Fußballverein in Zukunft in erster Linie durch die Zwischeninstanz eines sozialen Mediums geschieht, verändert sich die fußballerische Sozialisation komplett. Dadurch, dass immer weniger Kinder und Jugendliche selbst Fußball spielen, wird auch der Konsum der Sportart immer passiver und beschränkt sich darauf, was man durch den Medienkonsum erfährt. Zwar bieten sich so Möglichkeiten, dass Vereine direkter mit der möglichen Zielgruppe an Fans in Verbindung treten können. Die Nachhaltigkeit, die Stadionbesuche in frühester Kindheit entfachen kann, lässt dementsprechend ein wenig nach.

Ein junger Fan des 1. FC Köln | Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Was ergibt nun all dieses Zusammenschreiben von Statistiken und Daten? Wie bereits eingangs erwähnt, vollzieht sich im Fußball ein Strukturwandel, den man in Großbritannien aufgrund der „BBC“-Studie etwas besser belegen kann. Doch auch in Deutschland ist die Situation ähnlich. Wie kann man es in Zukunft schaffen, dass die Sozialisation von Fußballfans bereits im frühen Kindesalter beginnt, über authentische Stadion-Erfahrungen aufrechterhalten wird, sodass eine langfristige Bindung zu einem Klub besteht?

Wenn Videospiele und Sportwetten für junge Erwachsene von größerer Relevanz sind, als das Zugehörigkeitsgefühl zu einer sozialen Gruppierung, dürfte dies der Gesellschaft langfristig nicht gut tun. Bindung zu etwas baut man nur über Emotionen auf und diese lassen sich über einen Bildschirm nur schwerlich vermitteln.

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1 Kommentar

  1. Und jeder schrei nach mehr Kontrolle, Einschränkungen und der freiwillige Verzicht auf Selbstbestimmung, fördert genau diesen Weg. Es ist einfach nurnoch traurig, wie offiziell Belegbare korrupte Menschen immer weiter unseren Fußball zerstören. Es entscheiden, auch Belegbar, keine Fussball liebende Menschen in den Gremien von FIFA UEFA und DFB über alles nicht im Sinne des Fussballs, sondern der Finanzen. Die Mauer, gegen die gerannt wird, ist sehr nah. Grüße Kaiser Franz Beckenbauer