Tristesse pur in Köln: Während der effzeh hemmungslos im Abstiegsstrudel versinkt, kommt jetzt Arsenal zu einem Festakt in die Domstadt – zumindest sollte es so sein.

Es ist mittlerweile November geworden in Köln – die Blätter sind allesamt von den Bäumen gefallen, verrotten langsam auf dem Boden, die Tage werden immer kürzer. Das triste Wetter in Köln sorgt nicht unbedingt dafür, dass die Stimmung steigt – dabei wäre das am Geißbockheim eigentlich dringend nötig. Das Aushängeschild der Stadt, der 1. FC Köln, taumelt derzeit komplett willenlos dem Abstieg entgegen, konnte in dieser Saison gar noch kein einziges Bundesliga-Spiel gewinnen. Das kurze Zwischenhoch mit den Siegen in Berlin und zuhause gegen Borisov ist auch schon wieder vorüber. In diesem so dramatisch schlechtem Herbst empfängt die Mannschaft von Peter Stöger nun niemand Geringeren als den Arsenal FC zum vorerst letzten Heimspiel auf europäischer Bühne. Was eigentlich ein Festakt hätte sein sollen, verkommt nun zum lästigen Pflichttermin.

Dabei hätte alles so schon sein können: Vor etwas mehr als zwei Monaten läutete der 1. FC Köln mitsamt seiner Anhängerschaft eine europäische Spielzeit ein, die im Gedächtnis bleiben wird. Zum ersten internationalen Spiel des effzeh seit mehr als 25 Jahren pilgerten mehr als 15.000 Kölner Fans, die das Stadion in Nord-London in ein Tollhaus verwandelten. Glückselig und auch etwas ungläubig wurde die obligatorische 1:3-Niederlage verfolgt, obschon das Ergebnis eigentlich egal war. Dieses Mal ging es den Fans um das Erlebnis, ihren 1. FC Köln auswärts in der Europa League spielen zu sehen.

Zwar hatte die Mannschaft, die im Mai noch auf Rang fünf landete, bereits zuvor in der Bundesliga die ersten drei Spiele in den Sand gesetzt, was an diesem Tag allerdings jedoch egal war. Hätte man jedoch gewusst, welche Ausmaße die Krise bis zum jetzigen Zeitpunkt annehmen würde, man wäre wohl ein wenig zurückhaltender gewesen. Doch was nützt das nun? Der größte Moment der jüngeren Vereinsgeschichte liegt hinter uns, er wurde genossen, zelebriert – jetzt ist der 1. FC Köln wieder auf dem harten Boden der Tatsachen angekommen.

Europa League als „escape room“ für die Schrecken in der Liga

Denn in der Bundesliga geht es nach dem desaströsen Start bis zum Ende der Saison nur noch ums Überleben. Finanz-Geschäftsführer Wehrle bezeichnete gar das Erreichen des Relegationsplatzes als einzig erstrebenswertes Saisonziel. Die Jagd danach geht allerdings erst am kommenden Sonntag weiter, denn vorher stellt sich mit dem Arsenal FC einer der schillerndsten europäischen Vereine in Müngersdorf vor. Die „Gunners“ sind längst für die Zwischenrunde qualifiziert, für den effzeh geht es darum, mit einem Heimsieg die letzte kleine Chance auf ein Weiterkommen zu wahren.

Nach der ebenso ernüchternden wie vermeidbaren Niederlage in Mainz war Peter Stöger in der Aufarbeitung wieder als Psychologe gefordert. In diesem Zusammenhang sagte der Österreicher einen bemerkenswerten Satz: Vieles an der aktuellen Lage sei „nicht der Qualität“, sondern „der Situation“ geschuldet. Stöger spielte damit auf eine Szene an, die sich in der ersten Halbzeit in Mainz zutrug. Nach einem guten Vortrag über die rechte Seite verpasste Jojic den Moment des Abschlusses aus guter Distanz und spielte dann einen schlechten Ball in den Lauf von Simon Zoller. In einer Phase wie im vergangenen Frühling hätte Jojic wahrscheinlich mit Selbstvertrauen abgeschlossen, aktuell rattert es aber im Kopf von jedem effzeh-Spieler, wenn er in die entscheidenden Räume kommt, offensiv wie defensiv. Dass sich Spitzensport im Kopf entscheidet, dürfte mittlerweile klar sein.

Mertesacker gegen die effzeh-Abwehr: Szene aus dem Hinspiel | Foto: ADRIAN DENNIS/AFP/Getty Images

Beim 1. FC Köln ist es aber umso auffälliger, dass die jüngste Leistungsfähigkeit im Vergleich zu vorherigen Monaten in diesem Jahr stark nachgelassen hat – ungeachtet der ohnehin schon vorhandenen Leistungsdefizite bei einigen Spielern. Leonardo Jardim, Trainer beim AS Monaco, brachte die Leistungsfähigkeit in sportlich schwierigen Momenten vor kurzem im Interview mit dem französischen Magazin L’Équipe treffend auf den Punkt. Er erklärte, dass die Leistungsfähigkeit eines Spielers auf einer Skala von eins bis zehn eingeordnet werden kann. Beispielsweise hat Leo Bittencourt beim effzeh im Normalzustand eine Leistungsfähigkeit von, sagen wir mal, sieben. Die sportliche Situation und Form der Mannschaft können dann dafür sorgen, dass die Leistungsfähigkeit sich in einem (wie sagt man dieser Tage so schön) atmenden Rahmen bis 8,5 nach oben bewegt – so war es vielleicht in der Endphase der vergangenen Saison.

Reicht es für ein Erfolgserlebnis gegen Arsenals junge Mannschaft?

Wenn es allerdings bei der Mannschaft nicht gut läuft, ist der atmende Rahmen natürlich auch nach unten offen – Bittencourts Leistungsfähigkeit würde dementsprechend aktuell bei 5,5 liegen. Damit hätten wir zumindest versucht, die aktuelle Misere in einigermaßen verlässliche mathematische Größen zu packen. Das Einzige, was dabei hilft, die Leistungsfähigkeit wieder zu steigern, sind natürlich Trainingsarbeit und Erfolgserlebnisse auf dem Feld. Aber ob das für den effzeh gegen Arsenal so einfach wird am Donnerstag?

Die „Gunners“ reisen mit der Empfehlung nach Köln, vor wenigen Tagen im North London Derby 2:0 gegen die Spurs gewonnen zu haben – auch wenn das für das Spiel am Donnerstag nicht allzu viel aussagt. Am Montag wurden sieben Spieler aus der U21 Arsenals geschont, um für das Spiel gegen den effzeh fit zu sein. Das sagt bereits alles darüber aus, mit welcher Marschroute der ewige Arsenal-Manager Wenger nach Köln reisen wird. Die absoluten Top-Stars wie Özil, Lacazette und Sanchez werden (Gott sei Dank) geschont, die Europa League ist daher Ausbildungsplatz für junge Spieler. Mit Ainsley Maitland-Niles (1997), Reiss Nelson (1999) und Chris Willock (1999) haben drei sehr junge Kanoniere bereits mindestens drei Einsätze. Andere junge Spieler wie Edward Nketiah (1999) haben schon Spiele machen dürfen.

Trotz allem: Schaffen wir einen Festakt zum Abschied auf der europäischen Bühne!

Mit dabei sind aber immer auch erfahrene Akteure, sodass Arsenal keine komplette Jugendmannschaft ins Rennen schicken wird – schließlich braucht man noch einen Punkt, um sich sicher als Tabellenerster für die Zwischenrunde zu qualifizieren. Und ganz ehrlich: Für den 1. FC Köln ist es eigentlich momentan auch egal, gegen welche anderen Spieler man verliert und wie alt diese sind.

Daher ist das Spiel aktuell vielleicht eher so etwas wie ein letztes Hurra, denn es scheint ja absehbar, dass für den 1. FC Köln in naher Zukunft kein Heimspiel auf internationaler Bühne mehr auf dem Programm stehen wird. Klar, eine theoretische Chance aufs Weiterkommen besteht noch, aber wen interessiert das aktuell? Wer glaubt allen Ernstes, dass es für die Zwischenrunde reicht? Das Heimspiel gegen Arsenal sollte daher, so schwer es manchen vielleicht auch fallen mag, trotzdem als ein festlicher Abend begangen werden. Und die Fans haben sowieso noch einen Auftrag: England muss gezeigt werden, wie die Heimspielatmosphäre aussieht, wenn die Fankultur noch lebt.

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