Der 1. FC Köln steckt tief in der Krise fest. Es wird Zeit für klare Worte, findet Ralf Friedrichs. Entweder man geht mit Peter Stöger zur Not auch in die zweite Liga, oder man zieht einen Schlussstrich. Bekennen oder trennen – Entscheidungen müssen her.

Wieder einmal brauchte man eine Nacht zum „Drüber schlafen“, um überhaupt ansatzweise Erkenntnisse aus dem effzeh-Spiel gegen Hoffenheim formulieren zu können. Allerdings fällt mir das auch so viele Stunden nach dem Abpfiff noch schwer. Positives gibt es nicht zu berichten, …. Ja, die Mannschaft kämpft, sie gibt alles, aber was dabei herauskommt, ist erschreckend wenig bis gar nichts. Sie wirkt derzeit in der Liga nicht konkurrenzfähig und das gilt bis auf den Torwart für alle Mannschaftsbereiche. Die Defensive ist extrem anfällig und sehr fehlerhaft, im Mittelfeld fehlt es durchgehend an Tempo, Spielwitz, Technik und individueller Klasse. Darunter leidet auch der Sturm, der wenig verwertbare Bälle bekommt, jedoch seine durchaus vorhandenen Chancen einfach nicht nutzen kann und dabei oftmals kläglich versagt.

Spürbar harmlos bis zur Peinlichkeit

Dazu kommen noch die unglaublich schlechte Quote bei Flanken und Standards, die mittlerweile ein peinliches Maß an Harmlosigkeit erreicht haben. Die Standards des Gegners hingegen sind jedes Mal gefährlich, weil fast immer ein gegnerischer Spieler nach einer Ecke oder einem Freistoß relativ frei zum Abschluss kommt.

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Ein weiteres Kriterium ist die Form der Spieler, nur wenige können halbwegs konstant ihr eigentliches Level zeigen, am ehesten noch Timo Horn, Dominique Heintz und mit Abstrichen Leonardo Bittencourt.

Cologne's Slovenian defender Dominic Maroh reacts after the German first division Bundesliga football match FC Cologne vs 1899 Hoffenheim in Cologne, western Germany, on November 5, 2017. / AFP PHOTO / PATRIK STOLLARZ / RESTRICTIONS: DURING MATCH TIME: DFL RULES TO LIMIT THE ONLINE USAGE TO 15 PICTURES PER MATCH AND FORBID IMAGE SEQUENCES TO SIMULATE VIDEO. == RESTRICTED TO EDITORIAL USE == FOR FURTHER QUERIES PLEASE CONTACT DFL DIRECTLY AT + 49 69 650050 (Photo credit should read PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images)

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Verantwortlich für all das ist die sportliche Leitung, Peter Stöger selbst spricht völlig zurecht davon, dass dies „Trainerjob“ sei. Nun, nach 11 Spieltagen hat der Wiener immer noch keine Lösungen gefunden, den Abwärtstrend, der bereits nach einer desaströsen Vorbereitung erkennbar war, zu stoppen oder dem entgegenzuwirken. Trotz dreier Siege in den Pokalwettbewerben ist die Mannschaft in der Liga derzeit abgeschlagen Letzter. Wohlgemerkt, es ist nicht mehr länger nur „der Saisonstart“, der missglückt ist. Nach fast genau einem Drittel der Saison kann man nun wirklich nicht mehr nur von einem „Startproblem“ sprechen.

Es ist kein „Startproblem“, ein Drittel der Saison ist um

Da die Mannschaft wie verrückt kämpft, wird immer wieder davon gesprochen, dass Stöger die Mannschaft noch erreicht. Bloß, … was gibt der Trainer den Spielern mit? Und welche Signale setzt er? Ist es das richtige Signal nach einem der wenige Siege die Gewinner-Mannschaft im nächsten Spiel wieder auseinander zu reißen? Ist es die richtige Personalentscheidung, den jungen Tim Handwerker, der – wenn auch nicht alles gelingt – als einer der wenigen Lichtblicke im Team gelten darf, konsequent aus der Startelf zu lassen? Sind Spieler wie Matthias Lehmann und Konstantin Rausch so unverzichtbar, das sie trotz mittelmäßig bis schlechter Leistung quasi eine Stammplatzgarantie besitzen und konsequent so gut wie immer in der Startelf stehen, sofern sie nicht gesperrt oder verletzt sind?

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Die Maßnahmen des FC-Übungsleiters sind zumindest diskussionswürdig, doch ein Großteil der Fans, insbesondere in den sozialen Netzwerken, hat mittlerweile einen personenkultartigen Abwehrmechanismus gegen Kritik an Peter Stöger installiert. Man kann sich zeitweise der Feststellung nicht entziehen, dass es mehr um die Person Stöger geht, als um den 1. FC Köln. Mit den Worten „Ich stehe zu Peter Stöger“ wird eine sachliche und faire Diskussion rund um den effzeh-Trainer im Vorfeld bereits abgewürgt und dem Kritiker wird vorgeworfen, das man kein echter Fan sei und nicht selten wird eine Mitgliedschaft bei Bayern München empfohlen.

Personenkult um Peter Stöger?

Der in der Öffentlichkeitsarbeit stets überzeugend auftretende Wiener erscheint vielen Fans mittlerweile als der Heilsbringer für alle Lebenslagen (Messias Reloaded?). Volksnah, offen, natürlich und dabei sehr charmant und witzig zu sein, sind liebenswürdige und positive Eigenschaften für einen Trainer einer Profimannschaft. Sie sind von großem Vorteil in der Außenwirkung. Seine Menschenführung wird dazu allgemein als herausragend dargestellt. Doch sind diese Aspekte alleine entscheidend für einen überdurchschnittlichen Bundesligatrainer? Gehören dazu nicht auch die Disziplinen wie Taktik, Aufstellungen, Einwechslungen oder Standardtraining?

Man darf auch einmal nachfragen, für welche Art Fußball ein Trainer steht und da kann man bei Peter Stöger durchaus auch Defizite erkennen. Fußballerisch hat sich das Team nämlich nicht herausragend weiterentwickelt, denn in allen Stöger-Jahren operierte der FC oftmals mit langen Bällen auf Stoßstürmer wie Ujah oder Modeste. Der große Erfolg mit Platz fünf im Vorjahr hatte mehr mit einem „Überstürmer“ zu tun als mit einer neuen Art Fußball, für den der FC steht. Dazu hatte es viel mit einer defensiv-vorsichtigen und dabei wenig attraktiven Spielweise zu tun, die man einem 1. FC Köln aber verzeihen kann, weil das Personal kaum mehr hergab. Dennoch sei auch die Frage erlaubt, warum Mannschaften wie der FC Augsburg oder der SC Freiburg den attraktiveren Ball spielen.

Was nun? Entscheidungen sind gefragt

Doch was nun? Die FC-Führung muss jetzt entscheiden, was zu tun ist. „Mit Stöger auch in Liga 2“ wäre die Variante, die bei Fans und Öffentlichkeit den größten Beifall finden würde. Sie hätte auch Charme, weil sie zeigt, dass man weiter auf Kontinuität setzt und würde dem hochgelobten Freiburger Modell entsprechen, wo ein Christian Streich niemals in Frage gestellt wird. Doch ist das überhaupt vergleichbar? Und wann entwickelt sich die gewahrte Kontinuität zur gefährlichen „Nibelungentreue“, die laut Wikipedia eine Form bedingungsloser, emotionaler und potenziell verhängnisvoller Treue beschreibt? Ist der Stöger-Fußball genau das, was man sich – Liga-unabhängig – vom Spielstil des 1. FC Köln in Zukunft vorstellt?

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Noch ist der Abstieg zu vermeiden, gerne mit einem Trainer Peter Stöger. Aber der FC ist nicht alternativlos, man muss zumindest ergebnisoffen intern über die Trainer-Thematik diskutieren und dann entscheiden. Klar ist: Die Option Trainerwechsel darf nach dem schlechtesten Ergebnis nach elf Spieltagen einer Bundesligamannschaft in 55 Jahren Bundesliga nicht absurd erscheinen. Den Volkshelden Stöger nun in Ehren und durchaus auch mit viel Dankbarkeit zu entlassen, um mit einem neuen Trainer und den neuen Impulsen das schwierige Ziel Klassenerhalt anzugehen, wäre der andere, der unangenehmere Weg für die Entscheider.

COLOGNE, GERMANY - MAY 23: (L-R) Chairman Alexander Wehrle and vice-president Werner Spinner of Koeln smile prior to the Bundesliga match between 1. FC Koelan and VfL Wolfsburg at RheinEnergieStadion on May 23, 2015 in Cologne, Germany.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Große Kritik seitens vieler Fans, aber auch der medialen Öffentlichkeit wäre ihnen gewiss, aber die Führung darf nicht den Weg gehen, der mehr Applaus verspricht. Sie muss sehr genau überlegen, was für die Zukunft die beste Entscheidung für den Verein ist und dies begründen und offen artikulieren. Es reicht nicht, sich weiter zu verstecken – gerne auch hinter dem Rücken eines Peter Stöger, der als fast einziger vor die Kameras geschickt wird –  und nur sich im Erfolg zu sonnen, wenn es beispielsweise tolle Zahlen aus der Finanzabteilung zu verkünden gilt. Meine Herren in Vorstand und Geschäftsführung: Bitte entscheiden Sie, kommunizieren dies und stehen Sie dazu!

Dieser Beitrag erschien zunächst unter www.ralffriedrichs.wordpress.com

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3 Kommentare

  1. Uwe Johannes am

    Gehen Sie doch einfach mal zum Trainingsplatz und schauen Sie den „Alternativen“!zu Lehmann, Rausch und Sörensen zu. Vielleicht stellen Sie fest, dass Stöger leider Recht hat, wenn er aufstellt, wie er aufstellt. Einzig bei Handwerker und bei den Standards bin ich bei Ihnen. Die einzige Frage, die nie aufkommt: „Wer soll es denn machen?“

  2. Ein toller Kommentar! Vielen Dank, Ralf Friedrichs! Kann man sich vorstellen, dass der FC – nach 11 Spielen mit 2 Punkten – die laufende Spielzeit mit 6 Punkten beendet? Das wäre rechnerisch ja der Trend. Das wäre doch eine Katastrophe für die Mannschaft und den Verein. Das steht doch keiner durch, auch Peter Stöger nicht. Ralf Friedrichs hat recht: Es geht jetzt um den FC und nicht um eine Kultfigur, nach dem Motto „Me stonn zosamme!“. Die Saison ist noch lang und wenn die Mannschaft pronto einen neuen Trainer bekommt, hat sie noch einmal die Chance zu einem Neustart, plus Verstärkung in der Winterpause Die Vereinsführung muss handeln, möglichst sofort. Der sechste Abstieg muss verhindert werden!

  3. Werner Wingenfeld am

    Danke für den Kommentar von Ralf Friedrichs. Es sind exakt die Fragen, die sich auch mir aufgedrängt haben. Denn wenn es nur daran gelegen hätte, dass endlich einmal der „Knoten platzt“ , hätte es die 0:3 Heimniederlage nicht geben dürfen, schon gar nicht die Art und Weise, wie sie zustande gekommen ist. Das damit zu rechtfertigen, dass der Gegner einfach zu gut gewesen sei, ist nichts anderes als: Kaptulation.